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22.04.2005

Mehr als Talent

Mehr als Talent

Als Joshua Bell zu Beginn der Achtziger als Solist mit Riccardo Muti auf die Bühne stieg, ging ein Raunen durch die Musikwelt. Denn der Junge aus der amerikanischen Provinz war gerade mal 14 Jahre alt und hatte nicht nur ein erstaunliches Talent, sondern die Gabe, Musik aus sich heraus leuchten zu lassen. Mit Spannung wurde verfolgt, ob er den Sprung vom Wunderkind zum dauerhaften Virtuosen schaffen würde. Bell bewährte sich nicht nur, sondern wurde darüber hinaus zu einem der tonangebenden Geiger seiner Generation.

Mit einer umfangreichen Retrospektive verfolgt die Decca nun die Jahre des Aufstiegs an die Spitze der Klassikszene nach und widmet ihm eine Reihe mit fünf Doppel-CDs, die viele große Momente dieser außergewöhnlichen Karriere in Erinnerung rufen.

Zum einen war Joshua Bell ein typischer amerikanischer Jugendlicher. Er liebte (aus heutiger Sicht archaische) Computerspiele und Basketball, spielte Tennis im Verein und war ein guter, angenehmer Schüler im College seiner Heimatstadt Bloomington in Indiana. Eines allerdings war anders. Bereits als Vierjähriger bekam er von seinen Eltern eine 1/16 Geige geschenkt, nachdem er mit Gummibändern und Bügelbrett akustische Experimente gemacht hatte. Er war fasziniert von klingenden Saiten und so ließ man ihm als Kind ausführlichen Unterricht zukommen. Richtig los ging es dann im Alter von elf Jahren. Damals wurde er dem Pädagogen und Geigenspezialisten Josef Gingold vorgestellt, der mit Kennerohr die außergewöhnliche Begabung Bells erkannte und beschloss, ihn nach Kräften zu fördern. Von da an ging es zügig voran. Der erste Platz bei einem vom Seventeen Magazine und General Motors durchgeführten Wettbewerb führte dazu, dass der Junge 1981 auf nationaler Ebene von der Presse gewürdigt wurde. Im selben Jahre kam er in Kontakt mit dem Dirigenten Riccardo Muti, der ihn ebenfalls förderte und bei einem Konzert mit dem Philadelphia Orchestra einem großen Publikum vorstellte. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Konzert in der Carnegie Hall, Gewinner des Avery Fisher Career Grant, Aufnahme der ersten Platte. Bell hatte den Fuß in der Tür und konnte in den folgenden Jahren seine Bedeutung als aufsteigender Stern am Klassikhimmel systematisch und an der Seite berühmter Dirigenten von Vladimir Ashkenazy über Riccardo Chailly und Christoph von Dohnányi bis hin zu James Levine unter Beweis stellen.

Dazu gehört auch ein markantes, individuelles Instrument. Bell spielt eine Stradivari von 1713, bekannt als "Gibson ex Huberman". Ihre jüngere Geschichte ist abenteuerlich, denn sie wurde 1936 dem Geiger Bronislaw Huberman nach einem Konzert in der Carnegie Hall gestohlen. Ein halbes Jahrhundert blieb sie verschollen, bis es den einstigen Dieb reute und er sie kurz vor seinem Tod zurückgab. Inzwischen war sie allerdings durch Bars und Clubs gezogen, hatte einige Schrammen und Verletzungen abbekommen, die erst in mühsamer Kleinarbeit in Italien wieder ausgebessert werden mussten. Es war ein malträtiertes Instrument, aber eines mit Geschichte. Denn es war gespielt worden und hatte durch die eigenwilligen Verhältnisse einen besonders lebendigen Klang bekommen. Kein Wunder, dass Bell fasziniert war, als er die Geige zum ersten Mal in die Finger bekam und es durchsetzen konnte, dass sie sich von da an unter seiner Obhut wieder den großen Meisterwerken der klassischen Musikliteratur widmen darf.

Man hört dem Gespann an, dass es füreinander geschaffen ist. Gerade die opulenten Werke des Konzertrepertoire bekommen eine Farbenpracht, die nur wenigen Musikern hervorzuzaubern gelingt. Ob Tschaikowski oder Schumann, Wieniawski oder Bruch, Prokofiew oder Schostakowitsch, Mendelsson oder Mozart - immer wirkt Bell präsent und zugleich sensibel, feurig und zugleich seriös. Die Liste der renommierten Begleiter der bis 1997 reichenden Aufnahmen ist ebenfalls lang und reicht von den Dirigenten Ashkenazy und von Dohnanyi im Verbund mit dem Cleveland Orchestra über die Academy Of St Martin In The Fields unter der Leitung von Neville Marriner, dem Orchestre Symphonique de Montréal mit Charles Dutoit und dem English Chamber Orchestra mit Peter Maag bis zu dem Pianisten Olli Mustonen und dem Cellisten Steven Isserlis, mit denen Bell sich dem zweiten Klaviertrio von Schostakowitsch angenommen hat. Ein beeindruckendes Panoptikum, das aber noch lange nicht alle Seiten seines intelligenten und ausgewogenen Virtuosentums präsentiert. (Fortsetzung kommende Woche auf klassikakzente.de)