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08.04.2005

Wohlbedachte Leidenschaft

Matthias Goerne, Wohlbedachte Leidenschaft © Decca/Sasha Gusov Matthias Goerne © Decca/Sasha Gusov

Der Verleger Tobias Haslinger legte sich posthum sehr ins Zeug für seinen Künstler: "Es ist unleugbar, dass Schuberts Lieder-Kompositionen durch Tiefe und Fülle der Empfindung, durch echte Innigkeit wie durch den Zauber seelenvoller Begeisterung und zartester Gemütlichkeit eigentümlich und unvergleichlich sind", schrieb er 1829 in einer Ankündigung zur Erstausgabe des Schwanengesangs D967. Und damit das Ganze sich besser vermitteln ließ, fügte er die durchaus unterschiedlichen Vertonungen der Gedichte Ludwig Rellstabs und Heinrich Heines zu einem Zyklus zusammen, dem er noch das letzte Lied des Komponisten "Die Taubenpost" mit Versen von Johann Gabriel Seidl als Appendix anhängte. So ist es genau genommen eine uneinheitliche Sammlung, die aber trotzdem von Matthias Goerne und Alfred Brendel eindrucksvoll umgesetzt wird.

Natürlich kann man darüber streiten, ob die Lieder wirklich zusammen gehören. Dafür spricht, dass sie im Autograph von Franz Schubert direkt aufeinander folgen. Dafür spricht auch, dass sie in den letzten Lebensmonaten des Komponisten entstanden. Die inhaltliche Qualität allerdings unterscheidet sich doch deutlich, denn bei aller romantischen Emphase gelang es Rellstab nur rudimentär, Heines klares und ironisch gebrochenes Sprachniveau zu erreichen. Nichtsdestotrotz verfügen seine Gedichte über eine zeittypisch verklärte Bildlichkeit und den Hang zum Melancholischen, der Komponisten reizen konnte, die Stimmungen in Töne zu fassen. Die "Liebesbotschaft" etwa ist eines der Beispiele, da Schubert den Klang von fließendem Wasser nachempfindet. Der daktylische Rhythmus der Sprache wird auf die Musik übertragen und verdeutlicht die Windungen und Verästelungen des Bächleins in akustischer Manier - wenn man der lautmalerischen Interpretation der Musik folgen will. Darüber hinaus finden sich in den Rellstab-Vertonungen zahlreiche kontrastreiche Bilder, die auch dunkle Themen wie "Kriegers Ahnung" kompetent angehen. Die Heine-Lieder wiederum weisen musikalisch weit über Schuberts stilistische Gegenwart hinaus. Sie knüpfen an Vorgänger aus der "Winterreise" an und sind stellenweise derart kühn lakonisch gesetzt, dass sich noch Koryphäen wie Franz Liszt bemüßigt sahen, sie als Klavier-Solo-Version zu transkribieren (der der Vollständigkeit halber schließlich die ganze Sammlung übertrug).

Weitaus geschlossener ist der Korpus von An die ferne Geliebte, op.98 zu sehen. Ludwig van Beethoven konzipierte ihn als kontinuierliche Folge von Liedern zu Texten des Prager Medizinstudenten Alois Jeitteles, die motivisch ineinander übergehen und sich aufeinander beziehen. Beide Sammlungen zusammen bilden eine vielfältige Fächerung interpretatorischer Möglichkeiten, die mit den Konzepten von Offenheit und Geschlossenheit agieren. Der Bariton Matthias Goerne und sein erfahrener Begleiter am Klavier Alfred Brendel bieten daher einen weiten Bogen der Klangdeutung, die von verhaltener Romantik bis analytischer Klarheit reicht. Die Aufnahmen entstanden am 5. und 7.November 2003 live in der Londoner Wigmore Hall und präsentieren das gut aufeinander eingespielte Duo als intuitiv harmonierendes Gespann, das mit den Feinheiten der Binnengestaltung souverän umzugehen versteht. Ob Schubert oder Beethoven, Brendels unerschütterliches Zeitgefühl, seine wohl dosiert differenzierte Anschlagkultur und jahrzehntelange Begleiterfahrung entlocken dem ernsthaften und besonnenen Gegenüber das nötige Maß der Leidenschaft, das die aus heutiger Perspektive sentimentalen Texte voller Kraft und stellenweise Ironie erstrahlen lässt. Geschmackvoll, kompetent und unerhört präzise, eine Mustereinspielung für Bewunderer des Kunstlieds.