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08.04.2005

Klang der Lagune

Klang der Lagune

Wer einmal in Venedig war, kennt die besondere Aura, die die Stadt umgibt. Es ist eine Mischung aus Bedeutsamkeit und Laisser-faire, mediterran zum einen, aber auch durch die historische Verwurzelung auf unnachahmliche Weise seriös. Dort zu leben und zu wirken, färbt auf Künstler ab und verleiht ihnen im Laufe der Jahre selbst eine spezielle Ausstrahlung. Wie bei Giuliano Carmignola. Wenn der Stargeiger sein Instrument in die Hand nimmt, beginnt die Musik zu erstrahlen, prachtvoll und imposant. Ein Concerto Veneziano, das den Geist der Barockzeit eindrucksvoll verinnerlicht hat.

Giuliano Carmingola ist ein Günstling des Schicksals. Ihm wurde eine außergewöhnliche Musikalität in die Wiege gelegt, die von Kinderjahren an umsichtig und zielstrebig gefördert wurde. Die ersten Unterweisungen an der Violine erhielt er von seinem Vater. Bald darauf genügte dessen Geigentalent nicht mehr und der Junge verließ seine Heimatstadt Treviso, um bei Kapazitäten wie Nathan Milstein, Franco Gulli und und Henryk Szeryng zu studieren. Es kam, wie erhofft. Carmignola gewann 1973 den Paganini-Wettbewerb in Genua, stieg in die erste Liga der international gefeierten Solisten auf und fundamentierte als Mitglied der Virtuosi di Roma oder an der Seite von Claudio Abbado und Giusepe Sinopoli seinen Ruf. Und er entdeckte neben der bereits von seinem Vater wach gerufenen Begeisterung für die Musik des Barocks seine spezielle Vorliebe für die historische Aufführungspraxis: "Seit den Siebzigern sind wir einen langen Weg gegangen. Damals wussten wir noch nichts von den ganzen Abhandlungen, wir spielten nicht historisch. Aber langsam haben wir neue Zusammenhänge entdeckt und kommen der Wahrheit ein paar Schritte näher". Carmignola beschäftigte sich nach den Tagen bei den Virtuosi ausführlich mit der Musik der 18.Jahrhunderts und lernte mit dem Cembalisten, Organisten und Musikwissenschaftler Andrea Marcon einen Gleichgesinnten kennen, der ihn auf seinem eigenen Weg weiter brachte: "Natürlich kann man auch ohne Ensembleleiter arbeiten, aber Andrea und ich, wir inspirieren uns gegenseitig. Wir sind inzwischen durch eine enge Freundschaft verbunden und es ist eine Freude, diese Musik mit ihm zu teilen".

Schon deshalb ist es eine Traumbesetzung, die Carmignola für sein Debüt bei der Archiv Produktion der Deutschen Grammophon zur Verfügung hat. Gemeinsam mit Marcon und dem Venice Baroque Orchestra widmet er sich zwei zu Unrecht weniger bekannten Konzerten Antonio Vivaldis (1678-1741) und jeweils einem Pendant von dessen Zeitgenossen Pietro Antonio Locatelli (1695-1764) und Giuseppe Tartini (1692-1770). Alle drei waren zu Lebzeiten berühmte Instrumentalisten und bewiesen auch als Komponisten ihre Begabung, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen: "Tartini war der Theoretiker. Er war Mathematiker mit spekulativer Ader und war wohlmöglich auch der Meinung, dass Musik im Grunde auf berechenbaren Formeln beruhe. Trotzdem haben seine Kompositionen eine große lyrische Qualität und der Reichtum seiner Ausschmückungen ist enorm. Locatelli wiederum war vor allem als Virtuose bekannt, der die Möglichkeiten seines Instrumentes bis an die Grenzen der Spielbarkeit auslotete. Er konnte seine Geige zum Leuchten bringen und hatte sein Augenmerk auf der Geläufigkeit. Er komponierte einige Meisterwerke, auch wenn er insgesamt gesehen nicht das Genie von Vivaldi oder Tartini hatte". Sein G-Dur-Konzert jedoch gehört eben so wie das A-Dur-Konzert von Tartini und die Beispiele in B-Dur und e-Moll von Vivaldi zu den Glanzstücken des Barockrepertoires. Carmignolas starker und vitaler Ton, die kompakte Klanggestalt des Venice Baroque Orchestras und die selbstbewusste Leitung durch Andrea Marcon ergänzen sich zu einem Concerto Veneziano, das den akustischen Zauber des italienischen Barocks mit viel Gefühl, aber ohne Sentimentalität entfaltet. Ein imposanter Einstand eines Traumgespanns, das noch auf viele historische Entdeckungen hoffen lässt.