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01.04.2005

Weniger ist mehr

Weniger ist mehr

Am liebsten hält sich Ludovico Einaudi auf dem Weingut seiner Familie in der Toskana auf. Da kann der Geist über die Hügel schweifen und sich an schöne Momente erinnern, die er etwa zusammen mit seinem Lehrer Luciano Berio erlebt hat. Denn auch der große Meister der italienischen Moderne hat seinen eigenen Weinberg und da konnte man bei einem guten Roten über so manche philosophische Frage sinnieren. Auch wenn der Schüler musikalisch einen völlig anderen Weg eingeschlagen hat.

Ludovico Einaudi ist Minimalist. Nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung. Seine musikalische Welt ist von einem Bedürfnis nach Klarheit und Verständlichkeit geprägt, das seine Kraft aus der Schlichtheit bezieht. Probiert hat er einiges und ist im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte mit vielen berühmten Persönlichkeiten der klassischen Moderne zusammengetroffen. Wenn man so will wurde Einaudi die kulturelle Laufbahn in die Wiege gelegt, denn er stammt aus einer der einflussreichsten Familien Italiens. Geboren 1955 in Turin, wuchs er zwischen Politikern und Künstlern, Medienschaffenden und Autoren auf. Sein Großvater Luigi war Italiens erster Staatschef nach dem zweiten Weltkrieg. Das von der Familie gegründete Verlagshaus Einaudi gehört zu den wichtigen Institutionen des literarischen Lebens im Lande. Der kleine Ludovico kam daher schon in Kinderjahren mit Persönlichkeiten wie Italo Calvino zusammen und in der Bildersammlung seines Vaters fand man Popart-Künstler, bevor der Rest der Welt wusste, wer eigentlich Andy Warhol war. Diese freigeistige Stimmung übertrug sich auf den Pubertierenden, der seine künstlerische Liebe allerdings nicht in Schrift und Sprache fand, sondern in der Musik. Tagelang spielte er auf seiner Gitarre, versunken in eine Welt der Klänge, die ihm mehr und mehr magisch vorkam. Daher entschloss er sich, Musik zu studieren, schrieb sich am Verdi-Konservatorium in Mailand ein und schaffte es über ein Stipendium an das Tanglewood Music Center in Massachusetts. Er traf auf Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio, als dessen Assistent er mehrere Musik- und Theaterproduktionen begleitete. Das Resultat dieser engen Zusammenarbeit war Einaudis Beschluss, eben nicht den Weg der komplexen Tonschichtungen und Konstruktionen zu gehen, sondern sich vielmehr der Einfachheit zu widmen.

Erste Erfolge feierte er als Filmkomponist. Nachdem er 1988 für Andrea De Carlos "Das große Geld" erfolgreich einen Soundtrack geschrieben hatte, folgte in den kommenden Jahren ein weiteres Dutzend ähnlicher Projekte, mit denen sich Einaudi einen hervorragenden Ruf als Spezialist für Atmosphären erarbeitete. Dazu kamen von Mitte der 90er Jahre an seine Solo-Klavierprogramme, die er auch selbst als Künstler in die Welt trug. Stilistisch orientiert er sich an Kollegen wie Ryuichi Sakamoto, Philip Glass, Didier Squiban oder auch Erik Satie und deren feinsinnigen Meditationen mit Esprit und Emotion. So entstanden Alben wie Le Onde, das 1998 den Weg in die britischen Pop-Hitparaden fand, aber ebenso von den Spezialisten des Genres als Meisterwerke der Ausgewogenheit gefeiert wurde. Und an diese selbst geschaffene Tradition schließt Einaudi mit seinem Decca-Debüt Una Mattina an. Es ist eine Sammlung moderner Albumblätter in dreizehn Abschnitten, die der Komponist während einer dreimonatigen Klausurzeit in seiner Mailänder Wohnung ersann. Dabei entstehen Bilder und Impressionen von charmanter Klarheit, die an markanten Stellen von Cellolinien Marco Decimos ergänzt werden. Einmal mehr wird klar, warum die Fanschar des behutsamen Feingeistes beständig wächst. Denn hier stört kein Missklang den Kosmos der Harmonie. Solche Inseln der Ästhetik und der Verlangsamung sind rar geworden in einer Zeit, die die Beschleunigung und Geschwindigkeit als Fetisch des kulturellen Handels proklamiert.