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25.03.2005

Klanglandschaften

Klanglandschaften

Manchmal kann Ausbildung auch behindern. Ende der achtziger Jahre hatte die koreanische Komponistin Unsuk Chin eine Schaffenskrise. Sie war erst in ihrer Heimat bei Sukhi Kang, dann in Hamburg von György Ligeti unterrichtet worden mit den Resultat, dass sie angesichts der Vielfalt der künstlerischen Möglichkeiten verstummte. Erst langsam fand sie aus dieser Talsohle heraus, indem sie sich auf ihre eigenen Kräfte besann. Daraufhin gelang ihr 1991 mit "Akrostichon - Sieben Szenen aus Märchen für Sopran und Orchester" der Durchbruch.

Inzwischen weiß Chin genau, worauf es ihr ankommt: "Meine Musik ist eine Abbildung meiner Träume. Die Visionen von immensem Licht und von unwahrscheinlicher Farbenpracht, die ich in allen meinen Träumen erblicke, versuche ich in meiner Musik darzustellen als ein Spiel von Licht und Farben, die durch den Raum fließen und gleichzeitig eine plastische Klangskulptur bilden, deren Schönheit sehr abstrakt und auch distanziert ist, aber gerade dadurch unmittelbar Gefühle anspricht und Freude und Wärme vermittelt". Die Mittel, mit denen Chin diese Vielfarbigkeit erreicht, sind sehr unterschiedlich. Mal arbeitet sie mit klassischen orchestralen Möglichkeiten instrumentaler Kontraste, mal konzentriert sie sich auf den mikrotonalen Bereich, indem sie einzelne Ensemblegruppen um Viertel- bis Achteltöne verstimmt und auf diese Weise ungewöhnliche Schwebungen generiert. Dem kompositorischen Ideenreichtum sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Die "Fantaisie mécanique für fünf Instrumente" (1994/7) zum Beispiel - bereits ein Paradoxon im Titel und eine deutlichen Anspielung auf die mechanischen Kompositionen ihres Lehrers Ligeti - spielt mit den Impressionen der Offenheit. Obwohl bis in die Ausdrucksnuance festgelegt, wirkt dieses vom Pariser Enemble Intercontemporain in Auftrag gegebene Stück erfrischend lebhaft und erstaunlich flirrend, ein wenig, als würden die Musiker improvisieren.

Mit "Xi" wiederum nähert sich Chin den Klangfarbenassoziationen nach anderer Manier. In ihrer bislang umfangreichsten Komposition für Ensemble und Elektronik aus dem Jahr 1998 geht es ihr um die unmerkliche Verschmelzung von akustischem und synthetischem Sound zu einem homogenen Hörgebilde mit archaischen Implikaturen. "Akrostichon - Wortspiel" schließlich ist eine siebenteilige Variationsfolge für Stimme und Orchester, die von Ausschnitten aus Michael Endes "Unendlicher Geschichte" und Lewis Carrolls "Alice hinter den Spiegeln" ausgeht. Sie werden sprachlich derart reduziert, dass nur noch ein protosemantischer Grundstock vorhanden ist, mit dem die Musik harmoniert. Dabei geht es auch in diesem Fall um die Auflösung von Grenzen zwischen den Gattungen, die in der Vorstellungswelt Chins erst die eigentliche Freiheit des Ausdrucks ermöglichen. Die für die Reihe 20/21 zusammengestellte und mit Interpreten wie dem Ensemble Intercontemporain und der finnischen Sopranistin Piia Komsi hervorragend besetzte Auswahl aus dem Werkkorpus wirft daher Schlaglichter auf eine kreative Persönlichkeit der sich globalisierenden zeitgenössischen Musikwelt, die aus einem Fundus zweier Klangwelten schöpfen kann, der die atmosphärischen Qualitäten fernöstlicher Kultur mit den analytischen Traditionen des Abendlandes verknüpft.