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25.03.2005
Pierre Boulez

Der kontroverse Maestro

Pierre Boulez, Der kontroverse Maestro

Pierre Boulez wird 80 - das muss gefeiert werden! Von ihm selbst mit zwei Konzerten, die er am Tag vor und nach dem Jubiläum (25./27.März) in der Berliner Philharmonie und der Staatsoper geben wird. Und von der Deutschen Grammophon, die ihn als einen der wichtigsten Komponisten und Meisterdirigenten der Gegenwart mit einer Reihe von Sonderveröffentlichungen ehrt. Sie widmen sich seinen eigenen Werken, aber auch den Eckpfeilern der musikalischen Moderne, Gustav Mahler und Béla Bartók.

Wäre es nach seinem Vater gegangen, wäre Pierre Boulez Ingenieur geworden. Es sprach auch einiges dafür, dass der Mittelstands-Junge aus Montbrison im Département Loire in die Fußstapfen seines Erzeugers treten würde, der als Techniker in der Stahlbrache arbeitete. Er war gut in der Schule, mathematisch so begabt, dass er vom katholischen Collège in Saint-Etienne weiter nach Lyon auf ein naturwissenschaftliches Spezial-Seminar geschickt wurde. Wohlmöglich wäre er sogar in dieser Linie geblieben, wenn es ihn nicht nach Paris gezogen hätte. Mit 18 Jahren nabelte er sich von Zuhause ab, ging in die französische Hauptstadt und änderte grundlegend seine Zukunftspläne. Im Oktober 1944 schrieb er sich am Konservatorium in der Klasse für Harmonielehre von Olivier Messiaen ein. Aus dem Hobby - seit dem siebten Lebensjahr hatte er Klavierunterricht bekommen und war außerdem im Schulchor aktiv gewesen - wurde eine Leidenschaft. Durch Messiaen lernte er die Klangwelt von Stravinsky, Bartók und der alten und neuen Wiener Schule kennen. Durch ihn verstand er auch, wie wichtig es ist, nicht über Musik, sondern in Musik zu denken. Als erste Talentprobe sendete der französische Rundfunk seine "Trois Psalmodies" (1945) für Klavier, noch zaghafte Schülerarbeiten im Stil des Lehrers mit einem Hang zu Schönbergscher Abstraktion. Doch bald schon sollte sich der Eleve als eigenständiger Komponist bewähren. Ein kurzer Unterricht bei René Leibowitz brachte ihm die Dodekaphonik nahe, atonale, serielle und elektroakustische Experimente folgten. Der erste Job als Leiter der Compagnie Renaud-Barrault brachte ihn mit der Bühnenmusik zusammen, 1954 gründete er seine erste Konzertreihe für neue Musik "Concerts du Petit Marigny / Domaine Musicale", im Jahr darauf gelang ihm mit "Le Marteau Sans Maître" der internationale Durchbruch als Komponist, der beinahe gleichzeitig mit dem Erfolg als Dirigent einher ging.

 

Seitdem gehört Pierre Boulez zu den wichtigsten und prägenden Gestalten des zeitgenössischen Musikgeschehens. Im Laufe seiner glanzvollen Karriere ist er immer wieder auf Widerspruch gestoßen, schon weil er sich keinen Moden fügen wollte, sondern nur seiner eigenen Vorstellung von musikalischer Kraft folgte. Und die gründete auf besonderen Ansprüchen an die Qualität der Darstellung, ganz gleich ob er als Gründer des Ensemble Intercontemporain der Neuen Musik ein passendes Forum schuf oder ob er als Leiter des Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) im Pariser Centre Pompidou dem Nachwuchs auf den Weg half. Sein Ruf als Dirigent ist bei den namhaften Orchestern der Gegenwart unbestritten, mit immerhin 26 Grammys und zahlreichen weiteren Preisen wurde er bislang ausgezeichnet. Seit 1989 ist er außerdem exklusiv bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag und so steht ein großes Archiv an renommierten und preisgekrönten Aufnahmen zur Verfügung, mit denen Boulez gratuliert werden kann. Im Speziellen stehen dabei vier extra zum 80.Geburtstag edierte CDs im Mittelpunkt: Eine Gustav-Mahler-Zusammenstellung widmet sich den Orchesterlieder und den Liederzyklen des Komponisten und bietet mit Interpreten wie Thomas Quasthoff, Anne Sofie von Otter, Violeta Urmana und den Wiener Philharmonikern ein großes Staraufgebot neben Boulez selbst. Die zweite CD stellt die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók vor, mit verschiedenen Spitzenorchestern und den Solisten Krystian Zimerman, Leif Ove Andsnes und Hélène Grimaud ebenfalls prominent besetzt. Den Interpreten von Boulez' eigenen Klaviersonaten, den jungen Finnen Paavall Jumppanen, hat er selbst vorgeschlagen. Sie erscheinen im Rahmen der Reihe 20/21. Und das Ensemble Intercontemporain verneigt sich vor seinem Gründer mit einer Neueinspielung von Le Marteau Sans Maître / Dérive 1 & 2, die ebenfalls im Rahmen von 20/21 erscheint. Darüber hinaus ist Boulez mit einem ausführlichen Repertoire im Katalog der Deutschen Grammophon vertreten, der von Wagner über Stravinsky bis Ligeti und Varèse reicht. Viele Gründe also zum Feiern und zum Gratulieren für eine der wichtigsten Persönlichkeiten unseres Musiklebens.