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25.03.2005
Claudio Abbado

Schelmenstücke

Claudio Abbado, Schelmenstücke

Die Orchesterwerke von Johannes Brahms begleiten Claudio Abbado während seiner gesamten Karriere. Immer wieder greift der Stardirigent auf einzelne Kompositionen des Spätromantikers zurück und beschränkt sich dabei nicht nur auf die großen sinfonischen Werke, sondern widmet sich auch unbekannteren Stücken wie der "Akademischen Festouvertüre op.80" oder der "Serenade Nr.1 in D-Dur, op.11". Kombiniert mit berühmten Oeuvres wie den "Ungarischen Tänzen, WoO 1" ergeben sie einen spannenden Überblick über die Seitenlinien der musikalischen Schaffenskraft von Brahms, die in der Reihe Double DG komprimiert wieder zugänglich gemacht werden.

Anno 1879 bekam Johannes Brahms von der Universität Breslau einen Ehrendoktorhut verliehen. Das war an sich eine schöne Sache, doch hing zugleich mit Arbeit zusammen. Insgeheim hatte der Komponist gehofft, mit einer Dankesrede davonzukommen, doch man erwartete von ihm einen kleinen musikalischen Kommentar als Gegengabe. Als ein Schelm, wie er manchmal sein konnte, ließ er sich daraufhin einen musikalischen Gag einfallen. Da in der Laudatio besonders auf den Ernst seiner Musik abgehoben wurde, schrieb er ein geradezu unernstes Stück, das studentische Lieder als motivische Grundlage beinhaltete. Er nannte es "Akademische Festouvertüre" und hatte auf diese Weise ein besonderes Vergnügen, den Herren Professoren auf elegante Manier die lange Nase zu zeigen. Im selben Jahr allerdings entstand auch seine "Tragische Ouvertüre" als Gegenstück zu dem humoristisch geprägten Pendant, um, wie er meinte, seine melancholischen Seiten auszuloten. Dabei hatte Brahms keine spezielle Tragödie im Sinn, sondern experimentierte eher mit den Ausdrucksformen des Dunkeln und emotional Verhangenen, das für ihn mindestens ebensolchen Reiz hatte wie die Sonnenseite des Musik. Überhaupt war er ein Meister der Stimmungen, der seine Orchesterwerke auf der Basis pianistischen Denkes strukturierte. Schon Robert Schumann meinte, seine Klavierstücke seien im Kern "verschleierte Symphonie", so wie auch die Ensemblepassagen sich deutlich auf die wohltemperierte Gliederung des Tasteninstruments zurückführen lassen.

Aus diesem Grund sind viele von Brahms' Kompositionen aus zweierlei Sicht zu betrachten und existieren oft auch in doppelter Ausführung. Die "Ungarischen Tänze" zum Beispiel gehören zu seinen bekanntesten Melodien. Sie entstanden in zwei Schaffensphasen, zunächst 1869 die Folge mit den Stücken 1-10, dann 1880 die Fortsetzung mit den Nummern 11-21. Sie waren als Klavierstücke zu vier Händen konzipiert, wurden aber erst durch die Orchesterbearbeitung richtig populär. Wie die meisten vermeintlich ungarischen Kompositionen dieser Jahre basieren sie genau genommen nicht auf der Volksmusik des Landes, sondern lassen sich von den Besonderheiten der Zigeunermusik inspirieren. Ein Teil der Weisen fußt auf bekannten Liedern, ein anderer auf nachempfunden Stücken im selben Stil, insgesamt wirken sie wie eine folkloristische Sammlung, die den eskapistischen Bedürfnissen des bürgerlichen Fin de Siècle genügte, zugleich aber beliebte Klischees der kulturellen Klangwahrnehmung schuf. Wie auch immer, die "Ungarischen Tänze" untermauerten Brahms' Popularität und sie wurden von Claudio Abbado mit den Wiener Philharmonikern und reichlich Verve angestimmt. Sie sind der Mittelpunkt der Zusammenstellung im Rahmen der Reihe Double DG, um den sich die beiden Ouvertüren und die Serenaden Nr.1 und Nr.2 ranken. Sie entstanden mit den Wienern und den Berliner Kollegen zwischen 1967 und 1983 und dokumentieren einen Dirigenten, der sich vom aufstrebenden Pultstar zu einem der wichtigsten Maestros seiner Generation entwickelte. Ein Schatzkästlein des orchestralen Wohlklangs, sowohl aufgrund des Repertoires wie auch der Interpretation.