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11.03.2005

Die spanische Stimme

Die spanische Stimme

Teresa Berganza ist die Königin des spanischen Liedes, eine weltweit gefeierte Mozart-Interpretin, eine Spezialistin für Rossini und das italienische Repertoire. Sie ist eine der profiliertesten Sopranistinnen der vergangenen Musikjahrzehnte überhaupt und sie hat einen Grund zum Feiern. Am 16. März wird Berganza 70 Jahre alt, ein Jubiläum, das die Deutsche Grammophon mit der besonderen 4CD-Edition Brava Berganza! voller großartiger Aufnahmen aus den siebziger bis neunziger Jahren feiert.

Teresa Berganza stammt aus Madrid. Sie war Spross einer Arbeiterfamilie und ihre Kindheit stand zunächst unter keinem guten Stern, denn der spanische Bürgerkrieg und die folgende Franco-Dikatur überzogen das Land mit Schrecken. Das Mädel jedoch ließ sich ihre gute Laune nicht nehmen und äußerte als Achtjährige bereits den Wunsch, Sängerin zu werden. Ihr Talent wurde erkannt und so durfte sie bald neben dem Studium von Klavier, Orgel, Harmonielehre und Komposition auch Unterricht bei Gerardo Gombau, Jesus Guridi und vor allem der Elisabeth-Schumann-Schülerin Lola Rodriguez de Aragon nehmen, die ihr neben den großen Partien von Rossini und Mozart vor allem die spanische Liedtradition nahe brachte. Resultat dieser prägenden Ausbildung war ein Künstlerprofil, das Berganza lange mit diesen drei Bereichen des Repertoires in Verbindung brachte, zumal das internationale Publikum auf sie aufmerksam wurde, als sie 1958 als Dorabella in "Cosi Fan Tutte" beim Festival in Aix-En-Provence und im Folgejahr als Cherubin in "Le Nozze Di Figaro" eine gute Figur machte. Damals begann auch die Zusammenarbeit mit dem jungen Claudio Abbado, der bald zu den bevorzugten Dirigenten der Sopranistin zählen sollte. Von da an ging es zügig voran. Es folgten die großen Opernhäuser von der Scala über Covent Garden, Wien, Salzburg, München bis hin zum Teatro Colon in Buenos Aires. Berganzas beachtlicher Stimmumfang, ihre Stilsicherheit, vor allem aber ihre Wandelbarkeit, Emotionalität und menschliche Wärme machten sie zu einer der umworbenen Stimmen des Stereo-Zeitalters.

Berganzas Repertoire ist beachtlich und ihre Begabung zur seriösen theatralischen Darstellung hat dafür gesorgt, dass manche der sonst für sehr leicht befundenen Rollen bei ihr neuen Ernst bekamen. Beispiel Carmen. Von Bizet in einem Milieu außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft angelegt, hat die Hauptfigur seit ihrer Erfindung mit der Tendenz des Vulgären zu kämpfen. Daher war es für Berganza eine besondere Aufgabe, sie neu zu Interpretieren: "Ich fuhr nach Granada und besuchte Sacromonte, um etwas über die heutigen Zigeuner zu erfahren und zu sehen, ob sie noch wie Zigeuner früherer Zeiten sind. Einige Frauen, auch junge, waren schwarz gekleidet und trugen Schultertücher nach orientalischer Art. Sie zeigten kein Dekolleté. Ich nahm das alles in mich auf und las dann Mérimée, wobei ich die Passagen unterstrich, die mit Carmens Charakter zu tun haben. Anschließend fuhr ich nach Paris, um mit der wunderbaren Lehrerin Janine Reiss zu arbeiten. Carmen bedeutete auch einen Wandel in meinem Charakter, meiner Persönlichkeit. Bis dahin habe ich immer 'nette' Rollen gesungen, die nichts von der elementaren Leidenschaft dieser Figur haben" (Interview mit Teresa Berganzas langjährigem Agenten und Begleiter Jack Mastroianni am Ende der Seite!). "Carmen" wurde ein Riesenerfolg und sie gehört genauso zu den Höhepunkten der Sammlung Brava Berganza! wie andere berühmte Aufnahmen etwa von Manuel de Falla ("El Sombrero De Tres Picos", "El Amor Brujo", "La Vida Breve"), Rossini ("Il Barbiere Di Siviglia", "La Cenerentola"), Rossini ("Madame Butterfly"), Mozart "La Clemeza Di Tito) und Stravinsky ("Pulcinella"). Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen auch die Italienischen Barock-Arien mit Ricardo Requenjo am Klavier und die umfangreich repräsentierten spanischen Lieder, die im Gespann mit dem großartigen Gitarristen Narciso Yepes entstanden. So ist die Geburtstagssammlung Brava Berganza! - A Birthday Tribute nicht nur ein besonderes Präsent für die Künstlerin, sondern auch ein Schmuckstück in der Sammlung von Opernliebhabern, die sich von Leidenschaft und Perfektion mitreißen lassen.


Die Divenfrage - Interview Jack Mastroianni

Was macht eine Sängerin zur Diva? Einer, der es wissen muss, ist Jack Mastroianni, legendärer Agent von Mirella Freni und Teresa Berganza, zweier Vertreterinnen dieser geheimnisumwitterten Spezies, die dieser Tage ihren 70. Geburtstag begehen.

KlassikAkzente: Herr Mastroianni, Sie haben nahezu alle großen Sängerinnen betreut: Mirella Freni, Teresa Berganza, Cecilia Bartoli, Angela Gheorghiu, Hildegard Behrens, Eva Marton. Sie müssten also wissen, wie man Diva wird?

Jack Mastroianni: Eine knifflige Frage, die bestimmt nicht nur mit Technik zu erklären ist. Denken Sie an Tebaldi, Freni oder Birgit Nilsson, die während des Krieges aufgewachsen sind und auf vieles verzichten mussten für einen Beruf, der keine Sicherheit bot. Sie hatten nichts anderes im Kopf als die Met oder die Scala, ihre Kunst trugen sie wie eine zweite Haut, sie war ein existenzielles Bedürfnis. Dieses Singen ohne Wenn und Aber macht sie zu Diven.

KlassikAkzente: Das war damals, wie ist es heute?

Mastroianni: Der Terminus "Diva" an sich hat sich verändert. Eine Diva sollte mysteriös sein, nicht das Mädchen von nebenan. Heute aber wollen die Künstler Nähe zum Publikum. Man kann in der Zeitung alles über ihr Privatleben erfahren, auch über ihre Schwächen und Makel.

KlassikAkzente: Dann sind Diven heute primär Sängerinnen, die durch ihre Anwesenheit in der Klatschpresse auffallen?

Mastroianni: Auf weiten Strecken, ja. Eine Tebaldi dagegen beeindruckte durch ihre bloße Bühnenpräsenz. Ihre Liebe zur Musik strömte förmlich aus ihr heraus.

KlassikAkzente: Ist die Diva also eine aussterbende Rasse?

Mastroianni: Nein, bestimmt nicht. Cecilia Bartoli verkörpert alles, was auch die Diven der Nachkriegsära hatten: intellektuelle und musikalische Neugierde, nur künstlerische Ziele. Und sie hat etwas , das für jede Diva unentbehrlich ist: Charisma. Angela Gheorghiu ist ein anderes aktuelles Beispiel. Im persönlichen Umgang ist sie reserviert, aber wenn sie auf der Bühne ist, beginnt die Musik zu leuchten.

KlassikAkzente: Das trifft genauso auf Mirella Freni zu, vor allem in Rollen von Puccini.

Mastroianni: Puccini liebte die Frauen, und er liebte es, für die Frauen in seinem Leben Rollen zu schreiben. Mirella scheint Puccinis Frauenfiguren bis ins Innerste hinein zu verstehen. Sie interpretiert ihre Rollen mit einer Ehrlichkeit, die unmittelbar berührt, weil nie etwas gekünstelt wirkt.

KlassikAkzente: Gibt es da Parallelen zu Teresa Berganza?

Mastroianni: Der Begriff "Diva" lässt Raum für unterschiedliche Persönlichkeiten. Berganza sang immer mit einem Lächeln, als würde die Sonne aus ihr herausstrahlen. Ihr wunderbarer Dolce-Ton wirkte nie forciert, immer natürlich - genauso wie bei Mirella Freni. Das Repertoire allerdings war unterschiedlich: Berganza konzentrierte sich stärker auf Lied-Recitals, während Mirella den Fokus stärker auf die große Opern-Literatur legte. Mit der Mimì hat sie vor drei Jahren ihre Laufbahn beendet. Im April wird sie auf besonderen Wunsch der Metropolitan Opera ein letztes Mal als Jungfrau von Orleans auf der Bühne stehen - im stolzen Alter von 70 Jahren! Und danach bleiben uns ja zum Glück noch ihre vielen Aufnahmen.