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11.03.2005

Und die Moral...

Und die Moral...

Wenn Bryn Terfel mit den Augen rollt, könnte man beinahe Angst bekommen. Jedenfalls mimt er einen großartigen Don Giovanni, der mit Witz und Tücke sich durch das amouröse Leben eines verlotterten Aristokraten schwindelt. Die Kritik empfand das ebenso und lobte Franco Zeffirellis Wiederaufnahme der erfolgreichen Inszenierung von Stephen Lawless an der Met in den Opernhimmel. Da lag es nahe, eines Abends auch mit dem Kamerateam zu erscheinen, um für alle, die sich nicht in den Flieger nach New York setzen können, das Bühnenereignis auf DVD festzuhalten. Eine gute Entscheidung, denn selten zuvor hat Don Giovanni mehr Spaß gemacht als bei dieser Aufführung.

Mozart griff gerne in die Vollen. Wenn seine Charaktere auf der Bühne erschienen, konnten sie nicht nur aus einem wunderbaren Fundus fein gewichteter musikalischer Szenarien schöpfen, sondern wurden auch in markante Rollen gesteckt, die sich im Bewusstsein der Opernhörer festsetzten. Das gilt für die Tändeleien seiner komischen und unterhaltsamen Werke ebenso wie für die dunkelste Figur, die er auf die Bretter geschickt hat. Denn Don Giovanni ist eine doppeldeutige, finstere Gestalt. Der Librettist Lorenzo Da Ponte hat ihr viele Facetten mitgegeben und Mozart verstand es mit gewohnter Raffinesse, sie musikalisch abzubilden. Vordergründig betrachtet ist der Titelheld ein Wüstling, Opportunist und Betrüger, der sich die Welt nach seinem Lustprinzip einrichtet. Testosterongesteuert hurt und rauft er sich durch seine Umwelt, ohne Rücksicht auf Verluste psychischer wie physischer Art. Er ist ein Negativ-Held, der allerdings nicht alleine steht. Denn seine Macht über die Menschen bezieht er aus deren Faszination für die Unverfrorenheit seines Lebenswegs, die ihm die Aura des Draufgängers verleiht. Ihr erliegen sowohl sein Diener Leporello wie auch all die Frauen, die er während des Zweiakters mal erobert, mal verhöhnt. Da Ponte und Mozart haben in dieser Figurenkonstellation reichlich Kritik am ausgehenden höfischen Zeitalter versteckt, die sie allerdings nicht bis in letzter Konsequenz durchhielten. Am Ende wird die Oper moralisch, der Bösewicht wird vom steinernen Gast in die Hölle expediert, wo er fortan für seine Missetaten schmoren muss. Damit aber nicht genug. Kaum ist er verschwunden, schon finden sich die bislang Gehörnten ein und müssen feststellen, dass sie eine neue Freiheit errungen haben, die sie nun nach Belieben gestalten können.

Mal abgesehen von den Implikaturen dieses Stoffs, die im Kontext der Aufklärung und einsetztender Revolutionen eine weit brisantere Lesart ermöglichten als sie heute üblich ist, sind die Figuren prägnant gestaltet. Franco Zeffirellis modifizierte Inszenierung an der Met macht sich genau diese Eigenschaft zunutze. Denn sie spielt mit den darstellerischen Fähigkeiten des Ensembles. Der walisische Bariton Bryn Terfel, der bereits 1994 die Titelrolle singen sollte, aus gesundheitlichen Gründen aber bis 2000 wartete, mimt beispielsweise im Gespann mit Ferruccio Furlanetto als Leporello einen herrlich präsenten Lustmolch und Ränkeschmied, dem man es gönnt, dass er kurz vor Schluss im Bühnenboden versinkt. Die drei Frauen Donna Anna (Renée Fleming), Donna Elvira (Solveig Kringelborn) und Zerlina (Hei-Kyung Hong) reichen in der Darstellung weit über die Grundaussagen Tugend, Versuchung und Naivität hinaus und lassen durchaus durchblicken, warum ein Triebmann Don Giovanni wider aller Vernunft lange Zeit Erfolg haben kann. Das Hausorchester der Metropolitan Opera unter der Leitung von James Levine sorgt für rasantes Tempo bei gleichzeitiger Transparenz des Klanges. Die Stimmen kommen so gut zur Geltung, dass sogar mancher kleiner Gag vom Publikum mit amüsiertem Raunen quittiert wird. So ist der im Oktober 2000 aufgezeichnete Don Giovanni ein Glücksfall für den Opernliebhaber, der sich nun daheim wahlweise in brillantem Stereo- oder mächtigem Surround-Sound einem Meisterwerk der abendländischen Musikkultur in prachtvoller Interpretation auf DVD hingeben kann.