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04.03.2005

Brillante Kammerspiele

Brillante Kammerspiele

Sergey Rachmaninov war ein empfindlicher Mensch. Funktionierte etwas nicht so blendend, wie er es sich wünschte, konnte ihn das für Monate kompositorisch verstummen lassen. Als seine erste Symphonie etwa 1897 beim Premierenpublikum durchfiel, hielt er sich drei Jahre lang bedeckt, bis ihn der Erfolg des zweiten Klavierkonzerts wieder aus der Talsohle holte. Dabei hätte er sich gar nicht beeindrucken lassen müssen, waren doch seine Klavierstücke bereits Konsens der Konzertkultur.

Besonders das "Prélude in Cis-Moll" machte Rachmaninov berühmt. Komponiert hatte er es 1892 mit gerade 19 Jahren und es traf offenbar den Geist der Zeit derart genau, dass der junge russische Klavier-Virtuose fortan mit ihm identifiziert wurde. Von Russland aus fand es seinen Weg in die europäischen Salons des Fin de Siècle, der die Mischung aus schwermütigen, pathetischen Mollakkorden und parlierenden Läufen aus der Seele zu sprechen schien. Fortan war kein Konzert mehr vollständig, wenn das Prélude nicht wenigstens als Zugabe erschien. Scharen von professionellen und amateurhaften Pianisten nahmen es in ihr Programm auf. Überhaupt wurden die kleinen und größeren Klavierwerke zentral für die Rezeption Rachmaninovs. Da er selbst einer der umjubelten Virtuosen seiner Epoche war - gelernt hatte er zunächst am Konservatorium von St. Petersburg, dann bei dem Liszt-Schüler Alexander Illych Solity und in Moskau bei Sergey Tanejev und Antoni Arensky -, konnte er eindrucksvoll dafür sorgen, seine Musik auch in die Welt zu tragen. Zunächst verdiente er noch zusätzlich Geld als Klavierlehrer und von 1897 an als Dirigent einer Privatoper in Moskau, wechselte daraufhin für zwei Jahre an das Bolschoi-Theater, ging schließlich nach Dresden und kehrte 1910 nach Russland zurück, inzwischen als gefeierter Held der Konzertsäle, dessen zweites Klavierkonzert von 1901 zu den beliebtesten zeitgenössischen Werken seiner Gattung gehörte.

In diesen Phasen steigender Akzeptanz bis hin zur Flucht 1917 vor der Oktoberrevolution fallen auch zahlreiche musikalische Albumblätter, mit denen Rachmaninov nicht nur seinen individuellen Stil festigte, sondern sich auch deutlich vom heimlichen Klangidol seiner Jugend emanzipierte. Tchaikovksys schwüles Pathos verschwand aus den Kompositionen und wich einer impressionistischen Transparenz, die sich trotz russischer Seele eher zur französischen Leichtigkeit hingezogen fühlte. Vladimir Ashkenazy geht die Klavierstücke daher im Rahmen seiner Werkretrospektive mit entsprechender Noblesse an. Natürlich ist das Cis-moll-Prélude auch hier ein Beispiel für Kraft und juvenile Emphase. Aber ihm stehen farbig changierende Melodien wie das fließende "Andantino" oder das Chopinhaft flirrende "Presto" der "Moments Musicaux, op. 16" gegenüber. Ashkenazy ergänzt es außerdem durch impressionistische Fragmente von 1917 oder das "Prélude op. posthum" aus dem selben Jahr, das finster, aufbäumend einer zutiefst melancholischen Stimmung entsprungen sein muss. Dabei gelingt dem in 1937 Gorki geborenen Landsmann Rachmaninovs eine ungemein umsichtige und gelassene Interpretation der musikalischen Momente, betörend durch eine ausgereifte Anschlagskultur und das Gefühl für die nötige Menge Innerlichkeit, die die Kompositionen erstrahlen lässt, ohne sie zu überfrachten. Aufgenommen in wegweisender Surroundtechnik wirken sie am SACD-Player wie glänzende Kammerspiele eines musikalischen Visionärs, die mit einem Mehrkanalsystem besonders eindrucksvoll zur Geltung kommen, sich aber auch an üblichen CD-Spielern mit gewohnt brillanter Stereo-Qualität wiedergeben lassen. Ein Highlight, so oder so.