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25.02.2005

Genie und Charakter

Genie und Charakter

Werther war der neue Mann. Nicht mehr der Krieger, der Galan, der Bürger, sondern der in sich hineinhorchende und im Inneren ein Wechselspiel der Leidenschaften entdeckende Aufklärer, der von den Errungenschaften der Vernunft profitiert und sie zugleich verneint. Goethe traf damit die Seelenlage junger Männer seiner Zeit derart perfekt, dass nicht wenige dem Beispiel des melancholischen, aber selbstbestimmten Helden in Kleidung, Wort und Tat nacheiferten. Die Aura, die den Roman umgab, umfing noch ein gutes Jahrhundert später den französischen Komponisten Jules Massenet (1842-1912), der den Stoff, wenn auch mit einigen Änderungen, 1892 auf die Wiener Opernbühne brachte.

Goethe selbst hatte mit dem "Werther" seine Probleme bekommen. Zum einen hatte er der geliebten Roman-Charlotte nur allzu deutlich die Züge eines eigenen Jugendschwarms gegeben, der den Heißsporn nur wenige Monate vor der genialischen Niederschrift des Manuskripts mit einer höflichen, aber deutlichen Abfuhr in die Schranken gewiesen hatte. Diese nur zaghafte Verankerung im Fiktionalen führte in den folgenden Jahren immer wieder dazu, dass er mit den biografischen Details seiner Figur verknüpft wurde. Weit schwerwiegender aber war etwas, wofür er wenig konnte. Goethe hatte mit dem "Werther" einer irritierten jungen Männergeneration aus der Seele geschrieben. Der überschwängliche, impulsive Ton der Sprache, das nachdrückliche, nur aus sich selbst heraus sich legitimierende Verhalten des frisch gekürten Individuums - eine Erfindung, nebenbei bemerkt, von Aufklärern wie Leibniz, Kant und der britisch-französischen Denkschule, die der junge Dichter treffend in eine poetische Form brachte -, die bei aller Vernunft irrationale Leidenschaft des Gefühls, überhaupt der ganze angedachte Ungehorsam gegenüber den Forderungen der Tradition und des Bürgerlichen passten perfekt in den Prozess der intellektuellen Selbstwerdung des modernen Menschen. Es war die Zeit, in der sich das neue Amerika vom absolutistischen Europa unabhängig machte, das selbst noch ein gutes Jahrzehnt bis zum großen Knall der französischen Revolution brauchte. In diesem Zusammenhang erschien "Werther" als erster wirklicher Egoist der neuen Literaturgeschichte und übte eine magische Anziehungskraft auf alle wachen Geister aus, die an der diffusen Ohnmacht des Austritts aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit litten.

Denn klar wurde auch, dass Werther sein Dilemma nicht lösen konnte. Charlotte musste bei Albrecht bleiben, dem Inbegriff der soliden Bürgerlichkeit. Der Protagonist selbst sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich umzubringen, wenn er seine hehren Ideale des Gefühls nicht verraten wollte. Die Tragik lag im Konflikt von Gesellschaft und Individuum, vom Anspruch an die Totalität der Empfindung und der banalen Realität des sich behutsam industrialisierenden Alltags. So wurde ein neuer Mythos des aus sich selbst heraus schaffenden Originalgenies kreiert, das letztendlich nur eine naive Anlehnefrau brauchen könnte, ansonsten am Gefühl scheitern muss (Man stelle sich Werther als Großvater vor!). Massenet erkannte diesen Widerspruch und gab daher der von Goethe nur marginal erwähnten Sophie eine weit größere Rolle. Sie war das Positive, die Frau, die die enttäuschte Liebe überwunden hatte, und nun trotzdem voller Freude sich dem Leben zuwenden konnte. Dadurch bekam sein "Werther" eine andere Färbung, noch immer melancholisch, aber ein bisschen absurd angesichts des Auswegs, den ihm die ehemalige Liebschaft vorzeichnete.

Und das machte Massenets Oper zu einer vorsichtig verschmitzten Neudeutung des Sujets, die den bis heute nachklingenden Konflikt von Liebe und Realität stellenweise humorvoll auffängt. Für Andrea Bocelli jedenfalls ist es eine Paraderolle, sich in die Welt des Protagonisten zu versetzten. Der Startenor genießt die Möglichkeiten der subtilen Fächerung der Gefühle, die er als Knotenpunkt der Handlungen von Albrecht (Natale de Carolis), Charlotte (Julia Gertseva) und Sophie (Magali Léger) darstellt, bis hin zum heroischen, ironisch gebrochenen Scheitern im vierten Akt, als Werther beim Klang von kindlichen Weihnachtsliedern stirbt. Die Aufnahmen entstanden vom 30. Januar bis zum 5. Februar 2004 im Teatro Manzoni in Bologna und brachten die Solisten mit dem Orchestra und dem Coro di voci bianche del Teatro Colunale di Bologna unter der Leitung von Yves Abel zusammen. So konnte eine zeitgemäß frische und lebhafte Einspielung entstehen, die den Publikumsliebling Bocelli einmal mehr als ausgezeichneten Interpreten von vielschichtigen Charakterrollen präsentiert.