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11.02.2005
Pierre Boulez

Pfeiler der Moderne

Pierre Boulez, Pfeiler der Moderne

Mit Gustav Mahler und Béla Bartók bekam die musikalische Moderne ihr Gesicht. Der eine führte sie mit opulenter Harmonik und eindringlicher Dramatik über die Grenzen der Romantik hinaus. Der andere öffnete sie durch kühne, aber herzliche Abstraktion und Hinwendung zu traditionellen volksmusikalischen Momenten in ungewohnte Richtungen. Beide Komponisten sind daher für einen zeitgenössischen Künstler von zentraler Bedeutung. Und deshalb bilden sie auch die Eckpunkte eines vorgezogenen Geburtstagsgrußes, mit dem die Deutsche Grammphon den Dirigenten Pierre Boulez ehrt, der im März seinen Achtzigsten feiern wird.

Gustav Mahler zählt noch immer zu den großen Herausforderungen für jeden Dirigenten. Denn seine Orchestersprache arbeitet mit einer Farb- und Emotionspalette, die in dieser Konsequenz nur selten sonst in der abendländischen Konzertmusik zu finden ist. Schon deshalb faszinierte sie Pierre Boulez seit seinen Anfängen, als er noch im Begriff war, sich im Beziehungsgefüge der Nachkriegsmusikszene einen Namen zu machen. Immer wieder gelangen ihm wegweisende Aufnahmen wie die vielfach preisgekrönte Interpretation der sechsten Symphonie mit den Wiener Philharmonikern, die Einspielung der neunten mit dem Chicago Symphony Orchestra, die 1999 einen Grammy gewann, oder auch die Version der dritten, wiederum mit den Wiener Kollegen und der schwedischen Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter (Grammy 2004), über die das BBC Music Magazine meinte: "Sie verdient einen Platz an der Sonne". Kaum weniger anspruchsvoll gestalten sich Mahlers Liederzyklen, die zu der musikalischen Semantik noch die inhaltliche Komponente der Texte gesellen. Besonders spannend werden die Interpretationen im Vergleich unterschiedlicher Lagen, die die mal schillernden, mal introvertierten Gefühlsschichten der Lyrik in einer größeren Form repräsentieren.

Im Oktober 2003 trafen daher drei außergewöhnliche Stimmen der Gegenwart auf Boulez und die Wiener Philharmoniker, um die Tiefen der klanglichen Symbolik auszuloten. Der Bass-Bariton Thomas Quasthoff widmete sich den "Liedern eines fahrenden Gesellen", die Sopranistin Violette Urmana stimmte die fünf "Rückert Lieder" an und Anne Sofie von Otter wagte sich mit den "Kindertotenliedern" an einen der bekanntesten Zyklus der klassischen Musik überhaupt. Unter Boulez Leitung gelang es allen dreien, Intensität und Ausdruck mit dem besonderen Glanz einer Einspielung zu verbinden, die weit über die Norm der Darstellungskunst hinaus reicht.

Im Fall von Béla Bartók liegen für Pierre Boulez die Prioritäten ähnlich: "Die Klavierkonzerte sind für mich die Höhepunkte in Bartóks Werk überhaupt. Man kann das 20.Jahrhundert nicht beschreiben, ohne diese drei Stücke zu erwähnen". Er selbst, der von seinem Lehrer Olivier Messiean gelernt hatte, Musik trotz Analyse aus der Innenperspektive heraus zu verstehen, wandte sich daher in regelmäßigen Abständen dem Oeuvre des großen ungarischen Komponisten zu. Auch im Fall der Zusammenstellung der Bartók-Klavierkonzerte liegt ein zusätzlicher Reiz in der Kombination der Persönlichkeiten, die sich damit befassen.

Das erste Konzert wurde im November 2001 im Chicagoer Symphony Center mit dem Chicago Symphony Orchestra und Krystian Zimerman als Solisten festgehalten. Das zweite entstand in der Berliner Philharmonie mit Leif Ove Andsnes und den Berliner Philharmonikern im Februar 2003 und die Nummer drei wurde ein gutes Jahr später mit der französisch-amerikanischen Ausnahmepianistin Hélène Grimaud und den Londoner Symphonikern in der Jerwood Hall in London aufgenommen. Auf diese Weise hat man nicht nur die Gelegenheit, den speziellen Umgang von Boulez mit drei international angesehenen Orchestern zu studieren, sondern bekommt en plus einen Eindruck davon, wie die junge Generation der Pianisten in Kombination mit der Erfahrung des Maestros sich den Klassikern der Moderne annimmt. Ein aufregender Streifzug durch die Gegenwart der Interpretationskultur.