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04.02.2005

Zukunft durch Vergangenheit

Zukunft durch Vergangenheit

Zu viel Talent kann zum Problem werden. Bruno Maderna (1920-73) zum Beispiel war ein herausragender Dirigent. Er leitete das Kammerensemble in Darmstadt, der Keimzelle der zeitgenössischen Musik, und war zugleich einer der ersten, der mit elektronischer Klangerzeugung experimentierte. Über all diesen Aktivitäten wurde der Komponist Maderna in den Hintergrund gedrängt, obwohl seine Werke durch Unkonventionalität bestechen. Aus diesem Grund werden nun drei späte Orchesterstücke in der Reihe 20/21 wiederveröffentlicht, ebenso wie drei zentrale Werke der amerikanischen Gegenwartsmusik von John Harbison, Richard Wernick und Gunther Schuller.

Bruno Maderna hatte ein Motto: "Das Schlimmste auf der Welt ist Konsequenz. Ich hasse es, konsequent zu sein, denn das ist tödlich". Dementsprechend inkonsequent war sein Zugang zur Musik. Innovativ sollte sie sein, aber nicht zwanghaft avantgardistisch, traditionell fundiert und trotzdem in die Zukunft weisend. Vielleicht war es auch schlicht ein Phänomen der Langeweile, das den Venezianer Maderna dazu brachte, ständig nach Inspirationen zu suchen. 1953 zum Beispiel gründete er zusammen mit Luciano Berio das Mailänder Studio die fonologia musicale beim Rundfunksender RAI, von 1954 an unterrichtete er in Darmstadt, leitete von 1958-67 das dortige Kammerensemble und avancierte 1972 zum Chef-Dirigenten der RAI. Zwischendurch probierte er es mit seriellen und elektroakustischen Kompositionen, wandte sich dann aber wieder echten Instrumenten und deren räumlicher Klangwirkung zu. "Quadrivium" wurde am 4.April 1969 während des Festivals von Royan uraufgeführt und variierte das Thema der Vierheit, indem vier Orchestergruppen sich gegenseitig gegenüberstehend am gemeinsamen Hörbild arbeiten. "Aura" wurde zum 80.Geburtstag des Chicago Symphony Orchestra 1972 komponiert und setzt das Gruppenprinzip innerhalb eines 54köpfigen Ensembles mit sechs unterschiedlichen Einheiten fort. "Biogramma" wiederum entstand in ähnlicher Zeit im Auftrag der Eastman School Of Music, sollte das 50jährige Bestehen der Universität Rochester würdigen und arbeitet ebenfalls mit dem Prinzip der Mehrchörigkeit, die unter Bezug auf typische Instrumentierungen mit viel Perkussion, Celesta, zwei Harfen und Klavier in diesem Fall auf zwei Orchestergruppen aufgeteilt ist. Aufgenommen wurden alle drei Werke im Sommer 1979 vom Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks unter der Leitung von Giuseppe Sinopoli, einem Landsmann und Kollegen Madernas, der zu dessen Lebzeiten eng mit ihm zusammengearbeitet hatte.

Im Unterschied zu Maderna beziehen sich die drei Kollegen aus Übersee, deren Stücke auf American Contemporaries zu hören sind, sehr deutlich auf den zeitgenössischen und historischen Kontext. John Harbison (*1938) zweites Streichquartett, basiert auf den Frühformen des Genres, die der Komponist bewusst zitiert: "Mein Stück entlehnt etwas von der Klanglichkeit und der Satztechnik aus der Zeit vor dem Streichquartett. Der Anfang des Werks, aus dem sich alles speist, wirkt wie eine Reminiszenz an das italienische Streicherkonzert, in dessen gleichsam gold- und silberdurchwirkten Klangstrukturen alle modernen Experimente mit dem Streichermedium ihren Ursprung haben". Das Pendant von Richard Wernick (*1934) versucht gar, noch weiter zurück und in die Tiefe zu gehen: "Ich habe versucht, für mich selbst Antworten auf grundlegende Fragen nach dem Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft zu finden. Was rettet man aus der Vergangenheit herüber? Was lässt man zurück? Kann man die Vergangenheit auferstehen lassen? Oder kann nur das 'Ethos' der Vergangenheit wiederaufleben und wenn ja, was bedeutet das für die Zukunft der Kunst?". Gunther Schuller (*1925) schließlich, der bekannteste Komponist aus dem Grenzbereich zwischen Third Stream und zeitgenössischer Moderne, bezieht sich dezidiert auf ein kaum bekanntes Fragment von Ludwig van Beethoven, das er im dritten Satz seines "Streichquartetts Nr.3" verarbeitet. Die Aufnahmen mit dem Emerson String Quartet stammen aus den Jahren 1991/92 und gehören zu den hochgelobten Beispielen für das kongeniale Zusammenwirken zeitgenössischer Komponisten und Interpreten auf der Höhe ihrer Ausdruckskompetenz.