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04.02.2005

Farbiges England

Farbiges England

Lieder von John Dowland oder Henry Purcell sind längst in vielfachen Variationen aufgenommen worden. Lieder von Arthur Somervell oder Roger Quilter hingegen findet man eher selten im Repertoire. Dabei haben es die englische Komponisten der 19. und 20.Jahrhunderts durchaus verdient, umfassend gewürdigt zu werden. Das dachte sich auch Bryn Terfel und stellte gemeinsam mit Macolm Martineau am Klavier ein Programm aus 33 Songs von 12 Komponisten zusammen, die man mit Ausnahme von Benjamin Britten und Ralph Vaughan Williams eher selten präsentiert bekommt.

In mancher Hinsicht ist es auch eine Rückkehr zu den Anfängen der eigenen Karriere. Nachdem Bryn Terfel (*1965) sich in seiner walisischen Heimat als Opernsänger einen Namen gemacht hatte - er startete seine Laufbahn 1990 als Guglielmo ("Cosi Fan Tutte") und Figaro ("Le Nozze Di Figaro") an der Welsh National Opera - gelang ihm mit der Liedersammlung The Vagabond fünf Jahre später der internationale Durchbruch. Das ebenfalls mit Begleitung von Malcolm Martineau verwirklichte Recital stellte Kompositionen von Ralph Vaughan William, George Butterworth, Gerald Finzi und John Ireland in den Mittelpunkt und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (Prix Cecilia, 1995; Grammophone Award 1996 u.a.). Von da an ging es in zügigen Schritten voran an die Spitze der Sängergarde, so dass Terfel inzwischen zu den profiliertesten Sängern seines Bariton-Fachs gezählt wird. Seine Liebe zu den schlichten und klaren Melodien der englischen Song-Tradition hat er jedoch nicht aufgegeben und so war es an der Zeit, sie nach verschiedenen anderen Projekten wieder ein wenig zu pflegen.

Silent Noon ist eine Sammlung lyrischer und unterhaltsamer Stücke sehr unterschiedlichen Inhalts, die sich mit den Leidenschaften der Menschen des Fin-de-Siècles beschäftigen. Da hat es Limmeriks von Edward Lear, die Charles Villiers Stanford vertont hatte, und Trinklieder aus der Feder von Peter Warlock. Da werden Songs in zwei Versionen nebeneinander gestellt wie Years Poem "The Cloths Of Heaven", einmal in der romantischen Fassung von Thomas Dunhill, ein weiteres in der nicht minder anrührenden Interpretation von Dilys Elwyn-Edwards. Manches hat wie Williams "Silent Noon" oder Roger Quilters "Now Sleeps The Crimson Petal" durchaus erotische Implikaturen, anderes leidet an der Unzulänglichkeit der Welt wie der Arthur Somervells Zyklus "A Shropshire Lad" nach den populären Vorlagen von Alfred Edward Housman. Schließlich gibt es noch todtraurige Weisen wie "Sleep" von Ivor Gurney, einem Heimkehrer des Ersten Weltkrieges, der nach den Erfahrungen an der Front den Rest seines Lebens in der Irrenanstalt verbrachte.

Dabei ist unverkennbar, worin Terfels besonderes Talent besteht. Denn ganz gleich, welchem Sujet er sich widmet, er trifft immer die passende Farbe zwischen salopper Umsetzung und interpretatorischem Ernst. Seine Diktion ist vorbildlich verständlich, die Artikulation elegant und persönlich, überhaupt die ganze Erscheinung eine klare Hinwendung zu den authentischen Qualitäten dieser Musik. Insofern kann man sich auch im Fall von Silent Noon dem Urteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anschließen, die über Terfels vorangegangenes Album Sings Favouristes schrieb: "Wäre Bryn Terfel nicht schon berühmt, könnte diese Aufnahme glatt als Demo-Band durchgehen. Der walisische Bassbariton hat eine Stimme, der es fast egal ist, welches Stück sie gerade als Vehikel benutzt. Man hört sie immer gern. [...] Alles geht, alles steht zur Verfügung: Diese Fähigkeit ist vielleicht noch beeindruckender als die Begabung zu totaler Körperlichkeit".