Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

04.02.2005

Geheimnisvolle Kraft

Geheimnisvolle Kraft

Die sechs "Cello-Suiten" von Johann Sebastian Bach gehören zu den rätselhaften Werken der Musikgeschichte. Lange Jahre verschollen und vergessen, dann von Pablo Casals wiederentdeckt, gehören sie inzwischen zu den meist gespielten Solo-Stücken des Repertoires und zugleich zu den größten Herausforderungen, der sich ein Künstler stellen kann. Deshalb wartete der chinesische Meistercellist Jian Wang, bis er genug Erfahrungen gesammelt hatte, um sich mit der nötigen Kompetenz den Meisterstücken zu widmen.

Ein Zyklus wie die "Cello-Suiten" ist im Leben professioneller Musiker immer präsent. Man nähert sich ihm in der Regel nicht linear, sondern in immer wieder sich verändernden Kreisbewegungen. Pablo Casals zum Beispiel, der wahrscheinlich größte Cellist des vergangenen Jahrhunderts, übte sie zwölf Jahre lang beinahe täglich, nachdem er die alten Notenvorlagen in einem Antiquariat entdeckt hatte. Erst dann traute er sich mit seiner Interpretation an die Öffentlichkeit und versetzte der Musiköffentlichkeit, die von der Existenz der Suiten nichts gewusst hatte, eine Art trancehaften Schock. Seitdem hat sich nahezu jeder namhafte Instrumentalist des Fachs an den monolithischen Werken versucht, mit sehr unterschiedlichen Resultaten ja nach Zeitpunkt in der eigenen Biographie und Reife des Verständnisses. Auch für Jian Wang gehörten sie von Beginn an dazu, wenn auch unter sich deutlich wandelnden Vorzeichen: "Am Anfang versuchte ich sie wie Lieder zu spielen, um sie hübscher zu machen. Aber als ich Mitte Zwanzig war, musste ich feststellen, dass sie mehr als einfach nur schön waren, sondern von dem handelten, was wir in dieser Welt sein wollten, aber nicht konnten. Schließlich wurden sie für mich zu einem Blick in eine andere spirituelle Welt. [...] Bachs Musik hat viele Qualitäten, die mit der chinesischen Lebensphilosophie vereinbar sind: Bescheiden und demütig sein; wollen, aber nicht begehren; lieben, aber nicht besitzen. Das alles findet sich in der chinesischen Philosophie wieder und weil ich mit diesen Werten groß geworden bin, sind sie mir sehr nahe. Wenn ich Bachs Musik höre, ist das für mich wie eine Bestätigung. Ich weiß nicht wie man in Deutschland das empfindet, bei mir jedenfalls schlägt Bachs Musik eine Saite an und ich verstehe auf meine Weise, was sie mir mitteilen will".

Bis er zu diesem Punkt kam, brachte Wang zahlreiche andere Stationen hinter sich. Seit er 1981 schlagartig durch den Dokumentarfilm "From Mao To Mozart - Isaac Stern In China" bekannt geworden war, weil er als Zwölfjähriger in verblüffender Weise mit dem Shanghai Symphony Orchestra das erste Cello-Konzert von Saint-Saëns gespielt hatte, war er ein Wunderknabe aus Fernost, dem es gelang, sich über den anfänglichen Medienrummel hinaus dauerhaft in der internationalen Musikszene zu etablieren. Dazu gehörte unter anderem die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Pianistin Maria João Pires seit 1994, aber auch die eigene Tätigkeit als Solist, die ihn immer wieder mit Bachs Suiten zusammen brachte: "Ich spielte sie häufiger, und mit der Zeit auch besser und besser. Sie wurden zu einer Zuflucht für meine Seele. Ich weiß, das klingt sehr pathetisch, aber es ist Musik, die ich für mich selbst spiele. Wenn ich viele Konzerte gespielt habe und müde bin, weiter zu üben, überhaupt der Musik überdrüssig werde, dann spiele ich Bach für mich. In diesen Momenten reinigt sich alles und die Aufmerksamkeit kehrt zurück". Diese besondere Sensibilität für die verborgenen Schwingungen der Musik, aber auch die phänomenale Technik, der großartige Ton Wangs und seines Cellos - ein rares A & H Amati-Instrument von 1622 - machen aus den im Juli 2003 und April 2004 entstandenen Aufnahmen ein Bekenntnis zur Dimension einer Musik, die weit über das Persönliche des einzelnen Menschen hinaus an etwas heranreicht, das nicht mehr zu erklären ist.