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28.01.2005

Musik der Elemente

Musik der Elemente

Und es gibt doch noch echte Abenteuer. Als der chinesische Komponist und Dirigent Tan Dun sich auf den Weg machte, um in seiner Heimatregion die Multimedia-Oper The Map aufzuführen, war nicht klar, ob das Projekt auch wirklich funktionieren würde. Denn in Fenghuang gab es keine Bühne und schon gar keine Konzerthalle. Alles sollte draußen stattfinden, vor historischer Kulisse und einheimischem Publikum. Es war ein Wagnis, doch der Traum wurde war, und bescherte der Welt ein außergewöhnliches Musikereignis, das nun auf DVD miterlebt werden kann.

Die Idee zu The Map hatte ihre Wurzeln in einem Erlebnis, das bereits einige Zeit zurücklag: "Als Student der Zentralen Musikhochschule in Peking kehrte ich im Winter 1981 in meine Heimatprovinz Hunan zurück, um Volkslieder zu sammeln. Bei meiner Ankunft in einem Tuija-Dorf traf ich einen berühmten 'Steinmann', der zur Begrüßung Musik auf archaischen Steintrommeln für mich spielte. In acht Positionen entsprechend dem I Ching und mit schamanischen Vokalisierungen sprach er zum Wind, zu den Wolken und Blättern. Er sprach vom nächsten Leben und vom vorhergehenden. Ich hatte das Gefühl, dass er wie eine Landkarte war, auf der alles eingezeichnet ist und fragte: 'Darf ich eines Tages dein Spiel aufnehmen und Musik bei dir studieren?' Die Möglichkeit zur Rückkehr bot sich erst 20 Jahre später, als ich mit der Komposition dieses Werks für Yo-Yo Ma und das Boston Symphony Orchestra begann. Im Winter 1999 fuhr ich wieder in das Dorf. Die Bewohner begrüßten mich herzlich mit einer Teezeremonie und sagten: 'Einer hat uns verlassen, der Tee ist kalt - der 'Steinmann' ist mit seiner alten Musik fortgegangen, die keiner mehr beherrscht'. Ich verließ das Dorf mit einem Gefühl der Leere und dem Wunsch, nach ihm zu suchen, ihm zu folgen und ihn zurückzubringen".

Das Resultat dieser Suche des Tan Dun ist eine außergewöhnliche Symphonie der Kulturverknüpfungen, die der Komponist im Anschluss an diese Erfahrung konzipierte. Sie wurde im Jahr 2002 mit Ma und den Bostoner Symphonikern unter Duns Ägide uraufgeführt. Doch die eigentliche Premiere von The Map fand ein Jahr später in China statt, unter enormem Aufwand, wie die der DVD-Aufnahme beigefügte Dokumentation belegt. Eine Bühne wurde über den Fluss gebaut, Technik und Instrumente kamen zum Teil mit Handkarren an ihren Bestimmungsort. Die Symphoniker von Schanghai und der finnischen Cellist Anssi Kartunnen reisten hinterher. Es wurde gebaut und improvisiert, modernste Multimedia-Technologie kam mit uralten Traditionen in Kontakt. Schlussendlich kam es zum Konzert, das in seiner Pracht und Stimmung einzigartig wurde.

Duns Musik integrierte live und von Video archaische Klänge von Steinmusik und Zymbeltänzen, ekstatisch geblasenen Mundorgeln aus Bambus und irritierendem ätherischen Zungengesang in ein Ensemble aus westlichem Orchester und solistische Cello-Kunst. So entstand ein verblüffendes Kulturevent am Ende der einen Welt, das sich nun über die DVD in die andere Hälfte tragen lässt.

Kaum weniger ungewöhnlich als solche phantastischen Spektakel sind Tan Duns Opern. Tea zum Beispiel ist eine tragische Liebesgeschichte, die sich um die magische Kraft des im fernöstlichen Raum rituell gefeierten Getränks rankt. Seikyo liebt die Prinzessin Lan, kommt sich aber mit deren Bruder über die Echtheit des wahren Buches des Tees derart in die Haare, dass sie sich gegenseitig mit Todesdrohungen überziehen. Es stirbt aber keiner der beiden Männer, sondern die Frau, die sich in deren Kampf einmischt und irrtümlich erdolcht wird. Was bleibt, ist Leere auf der einen und Hoffnung auf der anderen Seite, in einem anderen Leben glücklicher zu werden. Seikyo schließlich wird zum Mönch, der rituell eine Schale Tee ohne Inhalt trinkt, als Zeichen für die Liebe, die er hätte erfahren können.

Die auf DVD festgehaltene Inszenierung der Uraufführung von Tea in der Tokioer Suntory Hall am 22.Okober 2002 legte dabei bewusst Wert darauf, möglichst schlicht und metaphysisch zu wirken. Fernöstlicher Prunk wurde vermieden, dafür kam ein geometrisch vielschichtiges Bühnenbild zum Einsatz, das die Musik unterstützte, nicht davon ablenkte. Dirigiert vom Komponisten selbst mit Haijing Fu als Seikyo, Nancy Allen Lundy als Lan und Christopher Gillett als deren Bruder entstand auf diese Weise die kompakte Umsetzung eines interkulturellen Werkes, das in besonnener und beeindruckender Weise den Dialog der Traditionen pflegt.