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21.01.2005

Frei nach Bach

Frei nach Bach

Die Presse nörgelte. Sven-David Sandströms High Mass sei doch viel zu lieblich und neoromantisch, "eine Anhäufung Beifall heischender Effekte", meinten Kritiker nach der schwedischen Uraufführung des mächtigen Werkes 1994. Man forderte mehr Avantgarde ein und lieferte gleichzeitig den Beweis, dass die Provokation funktionierte. Denn gerade durch sein Bestreben nach Verständlichkeit und emotionalem Erleben durchbrach der Komponist die Konventionen des Intellektuellen und schuf ein Werk, das über die zeitgenössische Akzeptanz hinausreicht.

Sven-David Sandströms (* 1942) musikalischer Lebensweg ist von vielfältigen Lernprozessen geprägt. War seine Musik aus den 1960er und 1970er ganz dem experimentellen Geist der Epoche verpflichtet, so ist er seit dem folgenden Jahrzehnt bestrebt, die Komponierzwänge der zeitgenössischen Musik hinter sich zu lassen. "Mit 35 Jahren war ich total akademisch", erinnert sich Sandström in der Rückschau, "aber plötzlich habe ich das Interesse an diesen Dingen verloren, die die Kunst umgeben". Die Folge daraus war eine Neuorientierung der eigenen Schaffensziele, die ihn zu einer zwar ebenso komplexen, aber an der Oberfläche versöhnlicheren Tonsprache führten: "Ich möchte die Menschen berühren, nicht ausschließlich durch die Vermittlung angenehmer Gefühle, vielmehr will ich die Zuhörer auch fordern. Heutzutage arbeite ich mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten, um dieses Ziel zu erreichen: überwältigende Schönheit, naive Musik, moderne Techniken, in denen ich meine ganze bisherige Erfahrung als Komponist nutze".

Unter den rund 200 Werken, die Sandström im Laufe der Jahre schuf, nimmt die 1993/4 entstandene High Mass eine besondere Stellung ein. Zum einen ist sie ein gigantisches Opus, das in Puncto Instrumentierung und Orchestration Pendants wie Beethoven "Missa Solemnis" kaum nachsteht. Für eine Aufführung werden ein großer Chor, fünf Gesangsolisten, ein prominenter Orgelpart und ein Orchester mit erweiterter Schlagwerk-Sektion benötigt. Strukturell orientiert es sich am Ablauf von Bachs "h-Moll Messe". Der Text ist auf 25 stellenweise umfangreiche Sätze aufgeteilt, wobei auch die Gliederung in Solo- und Chorabschnitte weitgehend identisch ist. Ansonsten allerdings ist Sandströms Messe ein imposantes, eigenständiges Werk, das von fragilen Momenten im "Gloria" bis hin zum packend expressiven "Crucifixus" eine enorme Palette großorchestraler und vokaler Ausdrucksmöglichkeiten präsentiert.

Die vorliegende Aufnahme, die am 1. Februar 2005 in der zeitgenössischen Reihe 20/21 der Deutschen Grammophon erscheint, entstand im Mai 2003 in Leipzig anlässlich des Bachfestes 2003. Sandström hatte ein ausgezeichnetes Team zur Verfügung, das ihm eine bestmögliche Umsetzung der Messe garantierte. Am Pult des Gewandhausorchesters stand sein langjähriger künstlerischer Weggefährte Herbert Blomstedt, der bedeutendste schwedische Dirigent der Gegenwart. Als Chor fungierte das Ensemble des MDR unter der Leitung von Howard Arman und als Solistinnen hatte er unter anderem die Sopranistinnen Claudia Barainsky und Sara Olsson an seiner Seite. So konnte eine Aufführung entstehen, die auch in der Nachbereitung auf CD die ganze Kraft spüren lässt, die von der High Mass ausgeht. Außerdem wurde dem Doppelalbum noch die kürzere Komposition "Kontaktion" von Sandströms einstigem Kompositionslehrer Ingvar Lidholm (*1921) beigefügt. Sie war 1978 für die erste Tournee der Stockholmer Philharmoniker durch die Sowjetunion entstanden und nimmt bewusst auf orthodoxe Kirchentraditionen Bezug, ein Kunstgriff, mit dem der Komponist das russische Publikum zu erreichen hoffte. Auch diese Aufnahme entstand in Leipzig mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung Blomstedts, allerdings vier Monate später und unabhängig von Sandströms Aufführung. Nichtsdestotrotz rundet sie das Werk des jüngeren Kollegen durch eine historisch bis in das Tonreservoir Hindemiths zurückreichende Klangsprache eindrucksvoll ab.