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21.01.2005

Babylonischer Vamp

Babylonischer Vamp

Nabucco müsste eigentlich "Abigaille" heißen. Giuseppe Verdi war besonders eingenommen von der Figur der ehrgeizigen, verschmähten Frau, die ihre Rache bis an die Grenze des Menschlichen treibt. Doch er wäre aus dem Rahmen gefallen, wenn sie schließlich gesiegt hätte. So etwas wollte die bürgerliche Opernfanschar dann doch nicht sehen und so musste die Macht der selbsternannten Potentatin schlussendlich dahinschwinden. Was blieb, war eines der opulentesten Musiktheaterstücke der Geschichte, das die Metropolitan Opera im Verdi-Jubiläumsjahr 2001 mit dem nötigen Pomp und Pathos inszenierte.

Die Deutungen von Nabucco reichen von religiösen Lehrstücken bis hin zum verklausulierten Befreiungskampf des italienischen Volkes, dem Verdi quasi unterschwellig mit dem Gefangenenchor eine zweite Nationalhymne gegeben haben soll. Zunächst aber ist die dritte, 1842 in Mailand uraufgeführte Oper des Komponisten nach "Oberto" und dem "falschen Stanislaus" ein außergewöhnlich pathetisches und eindrucksvolles Werk, das sich zum einen monumental und eindrucksvoll inszenieren lässt, auf der anderen Seite durchaus seine Tücken hat. Denn die zentralen Rollen des von Temistocle Solera gestalteten Librettos sind drei divergierende Charaktere, die jenseits der Oberfläche komplexe psychologische Prozesse zu bewältigen haben. Mit ironischer Beiläufigkeit wird das Liebespaar Ismaele und Fenana, das durch zwar ehrenhaftes, aber kontraproduktives Verhalten den Sieg Nebukadnezars (= Nabucco) über die Hebräer erst möglich gemacht hat, als insgeheim einfältig gekennzeichnet. Der Hohepriester Zaccaria muss mit der eigenen Hilflosigkeit kämpfen, seinem Volk Mut zu machen, obwohl es von Gott verlassen scheint. Nabucco selbst schwankt zwischen Größenwahn, Wahnsinn und Einsicht, und lernt, die eigene Endlichkeit gegenüber dem Gott der Hebräer zu erkennen. Abigaille wiederum sieht ihren Traum von der aristokratischen Herkunft und der Liebe Ismaeles zerplatzen und lässt sich von den Götzendienern des Baals zum Instrument einer infernalischen Rachsucht funktionalisieren, um letztendlich als deren Werkzeug zugrunde zu gehen. Und das Volk ist dröge, jubelt mal dem einen, mal dem anderen zu und leidet lieber, anstatt zu rebellieren und gegen die eigene Not zu kämpfen.

So ist es eigentlich verwunderlich, dass Nabucco bereits beim italienischen Publikum der Premierenjahre gut ankam. Genau genommen liegt es nur an der Musik, dass die Details der Personencharakteristiken so bereitwillig hingenommen wurden. Denn Verdi gelangen gewaltige Chöre und gewichtige Arien, die mit ihrer Mischung aus Pathos und Eingängigkeit den Hörern nicht mehr aus den Ohren gingen. Die Met tat daher gut daran, im Jubiläumsjahr des 100.Todestages des Komponisten, gerade auf diese Faktoren ein besonderes Augenmerk zu richten. Elijah Moshinkys Inszenierung legte Wert auf Geschichtsmystizismus und Wirkung der Bilder, die über die große Drehbühne und John Napiers Aufbauten die Musik eindringlich unterstützten. Die Hauptrollen waren mit der russischen Sopranistin Maria Guleghina als Abigaille, dem Verdi-Spezialisten Juan Pons als gewichtigem Nabucco und dem eleganten Met-Star Samuel Rarney als Zaccaria prominent besetzt. Im Orchestergraben wirkte James Levine mit großer Umsicht und der Vorliebe für gemäßigte Tempi, die Bildregie der Aufnahmen vom April 2001 führte Brian Large, der wie etwa in der Sterbeszene Abigaille durchaus eigene Akzente setzte, indem er den Rest der Bühne weitgehend ausklammerte und sich damit auf die Agonie der gescheiterten Frau konzentrierte. So entstand eine in sich stimmige, von Publikum und Kritik gefeierte Aufführung, die nun vom 1. Februar an auf DVD auch dem internationalen Fankreis von Verdis Werken in PCM Stereo oder Surround-Sound zugänglich gemacht wird. Ein beeindruckendes Beispiel für die traditionsbewusste Könnerschaft des New Yorker Opernhauses.