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21.01.2005

Meistertüftler

Meistertüftler

Auf dem Programm standen Felix Mendessohns Streichquartette. Doch genau genommen wäre eine Komplettaufnahme dieser kammermusikalischen Kleinodien unvollständig gewesen, wenn nicht die Werke aus den direkten Umkreis mit dazu genommen worden wären. Also bereiteten die Musiker des Emerson String Quartetts auch die unter "op. 81/1-4" zusammengefassten Miniaturen und das "Streichoktett op.20" vor - und ließen sich nicht etwa von anderen Kollegen helfen, sondern verwirklichten die Einspielung dieses Monuments der klassisch-romantischen Klangkultur im Mehrspurverfahren. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, das aber schließlich alle überraschte.

Auf der vierten CD wurde ein wenig Platz für eine kurze Video-Dokumentation gelassen, die die ungewöhnliche Aufnahme von Mendelssohns "Streichoktett" begleitete. Und immer wieder sieht man verblüffte Gesichter der Künstler und des Produzenten, die es nicht wirklich fassen konnten, dass die kühne Idee, ein auf ständiges spontanes Reagieren angewiesenes Werk zeitlich versetzt aufzunehmen, auch wirklich funktionierte. Eugene Drucker, der sich beim Emerson String Quartet traditionell die Position der ersten Geige mit Philip Setzer teil, erinnert sich mit anhaltender Faszination an das einmalige Experiment in der Geschichte des renommierten Kammerensembles: "Einige Monate vor dem Aufnahmetermin beschäftigte ich mich stundenlang mit der Partitur, um eine Strategie zu entwickeln, die optimale Kontinuität in der ersten Tonspur jedes Satzes zu gewährleisten. Das Oktett ist viel zu phantasievoll komponiert, als dass man einfach erst Quartett I und anschließend Quartett II aufnehmen könnte. Die Struktur wandelt sich ständig und motivisches Material wird andauernd zwischen einzelnen Stimmen und allen möglichen Kombinationen von zwei, drei oder mehr Instrumenten ausgetauscht, die im Terz-, Quint- oder Oktavabstand spielen. [...] Je nachdem, welchen Part wir gerade spielten, nahmen wir unterschiedliche Plätze auf dem Podium ein, um ein natürlich klingendes Raumbild von acht Musikern zu schaffen. Wir benutzten auch verschiedene Instrumente für unsere jeweiligen Doppelrollen. Jeder von uns besitzt ein Instrument des hervorragenden amerikanischen Geigenbauers Samuel Zygmuntowicz. Die vier anderen Stimmen wurden mit alten italienischen Instrumenten eingespielt, so dass eine Mischung von Alt und Neu entstand".

Resultat dieser umsichtigen Vorgehensweise ist eine erstaunlich homogene und in sich stimmige Interpretation des Meisterwerkes des jungen gerade 16jährigen Mendelssohns durch ein virtuelles Oktett, das eigentlich ein doppeltes Quartett darstellt - und doch wieder nicht. Im Vergleich zu diesem Versuchsaufbau konventionell wirken da die übrigen Aufnahmen, die die sechs regulären und das 1879 posthum erschienene Quartett von 1823 vorstellen, zumindest in Bezug auf die Studiotechnik. Interpretatorisch leistet das Emerson String Quartet auch diesmal großartige Arbeit. Ganz gleich ob es sich um das Jugendwerk des 14jährigen in Es-Dur handelt oder um das tief bewegende op. 80 in f-moll, in dem Mendelssohn den Schmerz über den Tod seiner Schwester Fanny Hensel musikalisch verklausulierte, immer wieder gelingt es dem 1976 in New York gegründeten und seitdem mit zahlreichen Preisen geehrten Ensemble, dem Kern der Musik nahe zu kommen. Mag sein, dass es an der immensen Energie und Kompetenz liegt, mit der Drucker, Setzer, Lawrence Dutton und David Finkel seit mehr als einem Vierteljahrhundert die Literatur für ihre Besetzung ausgekundschaftet und verinnerlicht haben, mag sein, dass dadurch ein Erfahrungsschatz entstanden ist, auf den sonst nur wenig Kollegen zurückgreifen können. Sicherlich jedoch liegt es auch an den großartigen Vorlagen, die Felix Mendelssohn komponiert hat. Denn so sehr er sich mit dem Übervater des Genres Beethoven auseinander setzte, so deutlich wusste er zugleich, seinen eigenen Klangkosmos zu entfalten. Diese besondere Leichtigkeit, diese Mischung aus Jugendlichkeit und Professionalität, Enthusiasmus und genialen Momenten versteht das Emerson String Quartet in den Mittelpunkt zu stellen. Und schon deshalb ist diese Aufnahme einer der Höhepunkte dieser Kammermusiksaison.