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03.12.2004

Schönheit von innen

Schönheit von innen

Natürlich war die Romantik auch romantisch. Zuallererst aber war sie eine Denkweise, die im Unterschied zum Auftragskünstler des Barocks oder dem genialisch an höheren Werten orientierten Klassiker vor allem innere, persönliche Werte in den Vordergrund der Musik stellte. Erst die Rezeption durch die Bürgerlichkeit machte aus der Singularität der Gefühls ein Emotionsallerlei mit diffusen "romantischem" Innerlichkeitsanspruch. Für die Komponisten jedenfalls war ihre Zeit ebenso vielschichtig wie musikalisch offen. Das wird besonders deutlich, wenn Werke von drei beinahe gleichaltrigen Künstlern wie Chopin, Mendelssohn und Liszt innerhalb einer Box der Collectors Editions präsentiert werden, die sehr unterschiedlich den Geist der Epoch verarbeiten.

Auf eine kurze Formel gebracht war Frédéric Chopin (1810-49) der Skeptiker, Felix Mendelssohn (1809-47) der Aufgeklärte und Franz Liszt (1811-86) der Pathetiker. Verwehrte sich der eine vehement gegen die Vereinnahmung durch das Gefühl, der er trotzdem nicht entgehen konnte, wirkte der andere ein wenig distanziert, obwohl er der mit Abstand vielseitigste der Runde war, wohingegen der Dritte sich stellenweise derart lustvoll in die Wogen der Emotion stürzte, dass ihm in aufwallenden Momenten musikalische Schwüle unterstellt werden konnte. So bildeten sie unterschiedliche Herangehensweisen an ein seit den Errungenschaften der Aufklärung und den daran anschließenden Revolutionen und Restaurationen verändertes Menschenbild, das den einzelnen als handelndes, verantwortliches, aber auch erleidendes Subjekt entdeckt hatte. Und das natürlich auch die Interpretationshoheit der professionellen Virtuosen an die Salons der gebildeten Kreise und bürgerlichen Meinungsführer abgeben musste. Im Fall von Chopin wurde das besonders deutlich. Seine zwischen 1829 und 1846 komponierten "Nocturnes" avancierten neben den "Mazurkas" schnell zu den beliebtesten Werken des Komponisten. Sie waren kleine in sich abgeschlossene Kunstwerke der gestalterischen Balance, populär, weil voller eingängiger, molltrauriger Melodien und vermeintlich leicht zu spielen. Wie viel innere Kraft sie jedoch entwickeln, erweist sich erst, wenn ein Pianist wie Daniel Barenboim sich der 21 Miniaturen annimmt, die richtigen Verhältnisse von Emphase, Gefühl und Reflexion erarbeitet und den Werken damit eine Form gibt, die über das reine pianistische Nachempfinden hinaus reicht.

Felix Mendelssohn wiederum versah seine ebenfalls in der Zeit zwischen 1829 und 1846 entstanden Albumblätter prophylaktisch mit einem diminuierenden Titel. Er nannte sie "Lieder ohne Worte" und implizierte damit den musikalischen Hausgebrauch durch höhere Töchter, die sich der scheinbar simplen Weisen annehmen konnten. Dabei sind auch diese Kleinodien der Klavierkunst dicht gewobene Motivnetze, die der Vorstellung von einfacher Melodie mit Begleitung komplexe Klangzusammenhänge gegenüber stellen.

Franz List schließlich versuchte sich bereits zu Lebzeiten durch sagenhafte Virtuosität gegen die Vereinnahmung durch die bürgerliche Romantik zu verwehren. Seine h-moll Sonate (1852/53) gehört zum Gewaltigsten, was die Klaviermusik des 19.Jahrhunderts vorgebracht hat, ein vom Grundprinzip der Themenwandlung beherrschte Quintessenz pianistischer Formkunst, die Barenboim mit einer erhabenen Mixtur aus Nachdruck und Gelassenheit umzusetzen vermag. Demgegenüber erscheinen seine "Consolations" und "Liebesträume" beinahe wie charmante Fingerspiele, die bestenfalls andeuten, wozu der Komponist Liszt fähig war. So ist die 7CD-Box "The Romantic Piano 1" mit Aufnahmen vorwiegend aus den Siebzigern und Achtzigern ein großartige Einführung in die Welt der pianistischen Romantik, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Denn dazu fehlt ihr zum Beispiel der vierte Komponist im Bunde, Robert Schumann. Ihm ist eine eigene Sammlung innerhalb der Reihe zugedacht, die sein Klavierwerk vorstellt.