Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

19.11.2004

Mensch und Natur

Mensch und Natur

Die Geschichte "Bergkristall" wirkt wie ein erzähltes Bild von Caspar David Friedrich. Ungeheure Natur, Eis und Schnee, Einsamkeit und Größe - alles Motive, wie man sie von den Gemälden kennt. Doch bei Adalbert Stifter (1805-68) findet sich der Mensch in dieser Szenerie wieder, in Gestalt der Kinder Konrad und Sanna, die sich an Heilig Abend auf dem Gletscher verirren. Und deren Rettung schließlich auch die Erwachsenen einander näher bringt. "Bergkristall" gilt als eine der besten Geschichten des österreichischen Dichters, und die 1953 entstandene Lesung von Erich Ponto, die nun aus dem Literarischen Archiv der Deutschen Grammophon wieder hervorgeholt wurde, ist auch nach einem halben Jahrhundert von immenser Intensität beseelt. Zuguterletzt hat außerdem Joseph Vilsmaier den Stifter-Text zum Ausgangspunkt für seinen "Bergkristall" genommen, der am 18.November im Kino angelaufen ist.

Genau genommen passiert nicht viel. Da sind die beiden Dörfer Gschaid und Millsdorf, das eine etwas ärmlicher, das andere reicher. Sie liegen in zwei Bergtälern, die durch einen Pass voneinander getrennt sind. Ein Schuster aus Gschaid hat eine Gerberstochter aus Millsdorf geheiratet. Die Herkunftsfamilien leben durch den Berg getrennt. Am Weihnachtstag nun gehen die Kinder des Schusters, Konrad und Sanna, zur Großmutter, um die Geschenke zu holen. Auf dem Rückweg werden sie vom Schnee überrascht, kommen vom Weg ab und landen anstatt am Pass auf dem Gletscher. Sie übernachten in einer Felshöhle, sehen ein Nordlicht, hören das Knarzen der Eismassen und überleben, weil es Konrad gelingt, sich und seine Schwester wach zu halten. Am folgenden Tag werden sie von Suchmannschaften gerettet. Der Schreck saß dem ganzen Dorf in den Gliedern und durch die Intensität der Gefühle von Angst, Verlust und Wiederfinden wird schließlich auch die Millsdorfer Mutter der Kinder endlich in Gschaid anerkannt. Stifters Kunst besteht dabei in der pointierten Reduktion der Sprache. Die Sätze beschränken sich aufs Nötigste und entfalten trotzdem ein genaues Bild von der Landschaft, der Situation, dem Seelenleben der Kinder. Als kompakter Höhepunkt der Sammlung "Bunte Steine" (1853) gehört "Bergkristall" daher zu den besten Erzählungen, die Stifter überhaupt verfasst hat.

Und im Repertoire der Deutschen Grammophon taucht der Text gleich in zwei Varianten auf. Da ist zunächst die klassische Version. Im Jahr 1953 wurde Erich Ponto gefragt, ob er zum 100jährigen des Erzählbandes den "Bergkristall" lesen wolle. Der Schauspieler, der spätestens seit seiner Rolle als schrulliger Chemielehrer in der "Feuerzangenbowle" ("nur einen wönzigen Schluck!") zu den bekanntesten Gestalten der deutschen Film- und Theaterszene gehörte, machte sich mit der Souveränität eines erfahrenen Bühnenprofis an die Lektüre. Er ließ die Dialoge zwischen den Kindern kribbeln und knistern, schuf die zugleich unheimliche und optimistische Stimmung, die die Verirrten umgab, und machte so aus "Bergkristall" einen Hörbuchklassiker, der nach mehr als einem halben Jahrhundert nichts von seiner Lebendigkeit verloren hat.

Die zweite CD mit dem Titel "Bergkristall" hingegen ist brandneu und der Soundtrack zum gleichnamigen Kinofilm von Joseph Vilsmaier. Auch hier geht es um die Geschichte von Stifter, nur wird sie fortgesponnen und mit einer Verknüpfung zur Gegenwart versehen. Diesmal geht es um einen geheimnisvollen Bergkristall selbst, dessen magische Kraft zwei in den Dörfern getrennt lebende Eltern wieder zusammenbringen soll. Vilsmaier inszeniert dafür eine wunderbare Weihnachtsidylle mit Hindernissen, die Musik empfindet Stimmungen und optische Eindrücke nach, ergänzt sie um Erzählpassagen und verschiedene folklorehafte Klangelemente. Beides steht nun bei der Deutschen Grammophon bereit, der karge, aber faszinierende Klassiker mit Erich Ponto. Und die aufgepeppte Version des Films, die den Text um viel Musik und den Link zur Leinwand ergänzt.

Weitere Literatur-CDs finden Sie unter www.dg-literatur.de