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19.11.2004
Carlos Kleiber

Der Unvergleichliche

Carlos Kleiber, Der Unvergleichliche

Als Carlos Kleiber vor wenigen Monaten starb, ging ein Raunen durch die Musikwelt. Ein Titan habe die Bühne verlassen, konnte man da hören, einer der schwierig, aber dafür genial war. Kleiber hatte durchaus Teil am Prozess der Mythisierung seiner Person, denn er trat nicht oft und zuweilen nur unter besonderen Bedingungen ans Pult. Wenn er aber in Fahrt war, dann konnte er einem Orchester ganze Wunderwelten der Klanggestaltung entlocken. Dieser Tage nun erscheint eine besondere Box, die den großen Dirigenten auf 5 DVDs in verschiedenen Rollen präsentiert.

Carlos Kleiber (1930-2004) wagte sich vergleichsweise selten vor die Mikrofone. Von Anfang an bevorzugte es der österreichisch-argentinische Dirigent deutscher Herkunft, in der Wahl seiner Mittel und Abhängigkeiten frei zu sein. Mag sein, dass dieser Hang zur Ungebundenheit in seiner Biografie begründet ist. Denn seine Kindheit war bestimmt vom Exil. Als Sohn des Dirigenten Erich Kleiber anno 1930 in Berlin geboren, musste er mit seiner Familie zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Ihre neue Heimat wurde Buenos Aires und der kleine Carlos machte seine ersten prägenden musikalischen Erfahrungen im Gefolge des Vaters, den er zu Proben an das Teatro Colón begleitete. Er wurde privat unterrichtet, begann in La Plata ebenfalls am Theater zu arbeiten und wurde 1952 für kurze Zeit Korrepititor am Münchner Gärtnerplatztheater. Daraufhin ging er als Kapellmeister zunächst nach Potsdam, dann an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf-Duisburg, nach Zürich, Stuttgart und wieder München. Dort blieb er von 1968 an als 'Ständiger Gastdirigent' der Bayerischen Staatsoper verbunden, wirkte aber auch in Bayreuth, Wien, Stuttgart, Salzburg, Prag und Mailand weiter. Als Gegner symphonischer Routine wechselte er immer wieder die Ensembles, schwor sie aber während der gemeinsamen Arbeit auf eine besondere Aufmerksamkeit im Umgang mit den musikalischen Vorlagen ein.

Kleiber galt als ernster, ernsthafter Dirigent, der ungeheure emotionale, erhellende Momente mit einem Orchester zu erzeugen verstand. Er mochte es nicht, wenn ihm Mikrophone zuhörten oder Kameras zusahen, ließ es aber dennoch zu, dass er gelegentlich gefilmt wurde. Manchmal hatte er auch gar keine andere Wahl. Denn die beiden Matineen, an denen er zum Beispiel das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigierte, wurden vom Fernsehen in viele Länder der Welt übertragen. In diesen Jahren 1989 und 1992 widmete Kleiber sich der Vorgaben der Gala-Veranstaltung gemäß der leichten Muse der Strauss-Familie und deren Umkreis' und machte seine Sache nicht nur gut, sondern hervorragend. Wie er scheinbar mühelos und unorthodox das Orchester im Griff hatte und es beschwingt durch die Welt der Walzertakte lotste, das hatte eine Klasse, die man im Fernsehen gerne sah. Dass diesen TV-Ereignissen ausführliche Proben vorangingen, blieb dabei für den Laien unerheblich, schien Kleiber doch die Musik so flüssig aus den Handgelenk zu dirigieren.

Aber auch andere Seiten des Künstlers sind in der aufwändigen 5er DVD-Box vertreten. Man erlebt, wie er sich mit dem Concertgebouw Orchestra anno 1983 Beethovens schweren "Symphonien Nr. 4 und 7" nähert. Oder wie er acht Jahre später Mozarts "Linzer Symphonie" und die "Symphonie Nr.2" von Brahms mit den Wiener Philharmonikern in eine berauschende interpretatorische Form bringt. Das alles zeugt von einem großartigen Künstler und wird durch die Kombination der Bilder mit dem remasterten DTS 5.1-Surround-Sound zum Erlebnis einer auratischen Persönlichkeit, die der Musik im 20. Jahrhundert manche neue Perspektive gewiesen hat.