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05.11.2004

Tanz, ganz klassisch

Michail Vasil’evič Pletnëv, Tanz, ganz klassisch

Alles begann mit einem Kinderspaß. Tschaikowski verbrachte einen Teil des Sommers 1871 bei seiner Schwester auf deren Gut in der Ukraine. Der Komponist liebte dieses Fleckchen Erde ebenso wie seine Bewohner. Und da seine Schwester viele Kinder hatte, machte er sich aus Jux daran, für die Kleinen ein Ballett zu schreiben, das am Ende des Sommers im Familienkreise ausgeführt wurde. Es trug den Titel "Schwanensee" und alle mussten mitmachen. Es war Tschaikowskis erstes Ballett und führte den Komponisten behutsam an die für ihn ungewohnte Gattung heran.

Als er dann vier Jahre später gefragt wurde, ob er auch für großes Publikum eine Ballettmusik schreiben wolle, stimmte er zu und machte sich an die Arbeit. So entstand "Schwanensee", dem noch "Dornröschen" und der "Nussknacker" folgen sollten. Sie gehören heute zu den berühmtesten Ballettmusiken überhaupt und sind nun in einer Box komplett zusammengefasst erhältlich. Ein Tipp nicht nur für Weihnachten.

 

Dreimal wandte sich Peter Iliitsch Tschaikowski dem Ballett zu und dreimal schuf er Grundlagenwerke. "Schwanensee" (1877) wurde zum Inbegriff des klassischen Balletts überhaupt, "Dornröschen" (1888/89) entwickelte sich als Dauerbrenner mit hohem ästhetischen Anspruch und der "Nussknacker" (1892) war nicht nur ein Sammelsurium großartiger Melodien, sondern mit seiner stellenweise absurden, märchenhaften Handlung ein Brückenschlag zu den Form- und Inhaltsexperimenten des frühen 20.Jahrhunderts. Alles begann, wie gesagt, mit der Kindervorstellung 1871, die in subtiler Weise Kreise zog. Obwohl das ursprüngliche "Schwanensee" im privaten Rahmen stattgefunden hatte, begann man in Intellektuellenzirkeln die Idee zu diskutieren, ob Tschaikowski nicht auch für ein richtiges Ensemble ein Ballett schreiben solle. Im Jahr 1875 war es dann soweit, dass der Komponist von den Direktoren der Moskauer Kaiserlichen Theater konkret auf ein Tanzprojekt angesprochen wurde. Da er Geld brauchte und die Herausforderung ihn reizte, sagte er zu, und so wurde der "Schwanensee"-Stoff zu einem Bühnenwerk. Im April des folgenden Jahres war die Partitur fertiggestellt und Tschaikowski konfrontierte sein Publikum gleich mit ein paar Neuerungen. Die Ouvertüre etwa, in Russland traditionell ein Aufwärmstück, das den Lärm der Zuspätgekommenen überdeckte, war bei ihm bereits eine Exposition zentraler Themen. Und das Stück überhaupt mit seinem traurigen, parabelhaften, aber musikalisch offenen Ende, rührte die Menschen zu Tränen.

Der Einstand in die Welt des Balletts war geglückt, ein beachtliche Leistung, zumal es kaum Vorlagen in der russischen Musikgeschichte gab, die der Komponist hätte heranziehen können. Für die Fortsetzung wiederum wollte sich Tschaikowski besondere Mühe geben. Als der Auftrag 1886 kam, meinte er zum Direktor der kaiserlichen Theater: "Ich habe genug Erfahrung und genug Kräfte, etwas gut zu vollbringen. Die Rede ist nicht davon, dass ich irgendeine gewöhnliche Ballettmusik zusammenschustere. Ich habe die Absicht zu einem Glanzwerk des Genres, und dafür ist in der Hauptsache Zeit nötig." Trotzdem entstand "Dornröschen" in Windeseile im Frühjahr 1889 in enger Zusammenarbeit mit Marius Pepita, dem kaiserlichen Ballettmeister - und wurde wiederum ein Erfolg. Den "Nussknacker" schließlich entwickelte Tschaikowski unter dem Eindruck von Leo Délibes "Coppélia", das er mit einem Märchenstoff von E.T.A. Hoffmann mischte. Die Uraufführung fand am 18.Dezember 1892 im Petersburger Mariinsky-Theater statt und das Stück eroberte von dort aus sehr schnell die anderen wichtigen Bühnen Europas.

 

Die 5-CD-Box mit den Balletten greift daher für "Dornröschen" auch auf eine Einspielung zurück, die Mikhail Pletnev mit dem Russischen National Orchester verwirklichte. Die anderen beiden Aufnahmen stammen von Seiji Ozawa und den Bostoner Philharmonikern und bilden einen guten Vergleich zu den Klangvorstellungen seines russischen Kollegen. Alles in einer Box jedenfalls ist eine grundlegende Einführung in die musikalische Welt des klassischen Tanzes und eine Kollektion großartiger Melodien aus der Feder des russischen Genius'.