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29.10.2004

Meisterklasse

Meisterklasse

Hätte Anton Bruckner das Glück gehabt, auf einen Dirigenten wie Segiu Celibidache zu treffen, wäre ihm wohlmöglich mancher Ärger erspart geblieben. Von Zeitgenossen wie Franz Schalk und Ferdinand Löwe, denen zum Teil die Aufführungen seiner Sinfonien überlassen waren, war er jedenfalls wenig begeistert. "Hören sie mir auf mit diesen zwei Kerlen! Wenn die meine Symphonien spielen, kenn' ich sie ja nimmer", soll der Komponist bei passender Gelegenheit gefrotzelt haben. Wie auch immer, Bruckner bleibt bis heute eine der größten Aufgaben für einen Dirigenten und Celibidaches Versionen mit den Stuttgarter Radio Symphonikern gehören zu den Meilensteinen der Interpretation. Jetzt sind die Aufnahmen der Nr. 3, 4, 5, 7, 8 und 9 endlich in einer Box zusammengefasst erschienen. Ein Meilenstein der Bruckner-Rezeption.

Was heißt hier Interpretation: "Eine Partitur ist wie eine Landschaft, man kann sie mit längeren oder kürzeren Beinen durchwandern. Trotzdem wird ein Berg ein Berg und ein Tal ein Tal bleiben. Was gibt es da zu interpretieren?", meinte der Maestro gegenüber seinem Schüler Tilmann Köster. Und damit stellt er sich auch gegen jegliche Art der Exegese, die an Bruckners Werk landläufig ausprobiert wird. So wie der Komponist selbst seine Symphonien als ausdauernden Kampf mit den Grenzen des Darstellbaren verstanden hatte, wollte auch Sergiu Celibidache (1912-96) nichts von vorauseilender Deutung der Musik wissen: "Wir beginnen mit der angenehmen Empfindung des Klangs und allen Assoziationen zwischen dem Gehör und unserer Affektwelt. Aber Musik ist nicht schön - Schönheit ist nur der Köder. Musik ist nicht reizvoll, sondern eine einmalige Gelegenheit, vom Vergänglichen zum Ewigen zu kommen. In der Musik gibt es nichts Materielles mehr. Das Ende ist die direkte, simultane Konsequenz des Anfangs", meinte er bei anderer Gelegenheit und wird trotzdem zum Interpreten, der der Musik des österreichischen Querdenkers eine besondere Qualität zu verleihen versteht. Denn Celibidache orientiert sich streng an der Form der Werke und versucht, ihnen auch über mögliche Ungereimtheiten hinweg Geschlossenheit zu verleihen.

Ein gutes Beispiel für die eigenständige Herausarbeitung aus der Form abgeleiteter Konsequenzen ist die Darstellung der vierten Symphonie. Der Bruckner-Spezialist Robert Simpson, brachte es in der revidierten Fassung seines Werks "The Essence Of Bruckner" 1991 mit Blick auf die Reprise folgendermaßen auf den Punkt: "Wir sind es gewohnt, diese Musik doppelt so schnell als im richtigen Tempo zu hören! Wenn man sie mutig im langsamen Tempo spielt, wirken die 'aufdringlichen zweitaktigen Perioden' nicht ermüdend, sondern ruhevoll und besonnen und die verborgenen Einzelheiten werden klar und ausdrucksvoll". Celibidache schaute den Werken auf den Grund und sein Ansatz der Interpretation war ebenso transparent wie individuell von immenser Ausstrahlungskraft und Energie geprägt. Insofern haben die Konzertmitschnitte der Bruckner-Symphonien 3, 4, 5, 7, 8 und 9, die mit Ausnahme der vierten (Swedish Radio Symphony Orchestra) mit dem SWR Stuttgart Radio Symphony Orchestra seit Anfang der Siebziger entstanden, ihren festen Platz im Werkverständnis, das heutzutage von Bruckners Schaffen besteht. Für die 7CD-Box um Mozarts "Haffner-Symphonie" und Schuberts "Symphonie Nr.5, D 485" als Kontraste ergänzt, entsteht auf diese Weise eine Schatztruhe orchestraler Juwelen, die dem Genius des Schulmeisters aus Ansfelden würdigend gerecht werden.