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15.10.2004

Jean-Luc Godard - Nouvelle Vague

Jean-Luc Godard - Nouvelle Vague

Hat es das je gegeben in der über hundertjährigen Geschichte der Tonaufzeichnung? Nicht einer der beliebten Soundtracks eines Films mit den musikalischen Dauerbrennern ist hier zu hören. Nein, die gesamte Tonspur von "Nouvelle Vague", 1990 in Cannes präsentiert, ist auf zwei CDs festgehalten. Jean-Luc Godard, der französische Ausnahmeregisseur aus der Schweiz, hat sie "komponiert", aus Stimmen, Geräuschen, Musik. Es ist ein weiterer Meilenstein des Neuen in der "new series" bei ECM.

Ein Gegenstück zu Werken zeitgenössischer Musik, die Alltagsgeräusche, "musique concrète", in ihre Partituren einbeziehen. Eine akustische Montage, von deren Bildern neun Farbfotografien im Booklet eine Andeutung geben, die aber hier, beim Hören, im Kopf entstehen. Kronzeugin ist Claire Bartoli, die in dem dreisprachigen Textbuch über "Das innere Auge" schreibt. "Ich habe Nouvelle Vague gehört", beginnt ihr Essay, "ja, den Film Nouvelle Vague. Ich habe ihn hörend erlebt. Ich kann nicht sehen." Claire Bartoli beschreibt ihren inneren Film, interpretiert ihre Klang-Erfahrungen, zitiert aus den Dialogen. Ihr Fazit: "Ein gehörter Film, ein geträumter, ein neu erfundener ý Er hinterlässt in mir einen leicht subversiven Geschmack vom Unsichtbaren und Ewigen."

Das Hör-Erlebnis "Nouvelle Vague" - der Titel verweist auf die "Neue Welle" des französischen Kinos in den späten Fünfzigern - ist wesentlich der gemeinsamen ästhetischen Welt Jean-Luc Godards und des Produzenten Manfred Eicher zu verdanken, eine kinematografisch-musikalische Wechselschwingung. ECM-Aufnahmen, die Godard von Eicher erhielt, weckten in ihm Bilder. "Es war, als hörten wir Musik aus Filmen, die noch gar nicht existierten", schrieb er später. Der Film entstand und die Musik erklingt, beginnend mit tastenden Bandoneontönen Dino Saluzzis, sogleich überlagert von Sprache (auch Alain Delon ist dabei). David Darling mit seinem Cello, eine Autohupe drängt dazwischen. Dialoge, Hundegebell, Telefon, Schritte, Wasserplätschern, das musikalische Geflecht des Französischen und plötzlich, eine ferne Botschaft, das Italienisch der ersten Terzinen aus Dantes "Divina Commedia". Kim Kashkashian mit Zitaten aus Sonaten von Hindemith; "Mathis der Maler", Schönbergs "Verklärte Nacht", Heinz Holliger, Patti Smith und andere (im Booklet nachzulesen) - Partikel eines unendlichen Klangstroms, in dem selbst die Kenntnis der französischen Sprache ohne Belang ist.

ECM-Musik ging auch in weitere Arbeiten von Jean-Luc Godard ein. Das Video-Monument "Histoire(s) du Cinéma" gehört dazu und wurde 1999 zu einer weiteren außerordentlichen CD-Edition des Labels.

  • Hier geht's zu Übersicht der ECM New Series Veröffentlichungen.