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24.09.2004

Die Welt des Giya Kancheli

Giya Kancheli, Die Welt des Giya Kancheli

Musik für den Kopf oder den Bauch, das scheint hier keine Frage zu sein. Der zunächst kaum hörbare Anfang, die (oft in satter Tiefe) dahin strömenden Streicherklänge, wie hingehaucht eine Knabenstimme, sphärische Melodiefetzen, brutal einbrechende Orchesterschläge, später die suggestiven Töne von Kim Kashkashians Bratsche und des Hilliard Ensembles - das alles ist Sinnlichkeit pur, geht in den Körper ein, lässt mitschwingen. Aber Vorsicht! Für diese Aufnahme wie für das ganze ECM-Profil von der Cover- und Bookletfotografie bis zur Auswahl der Musik und Interpreten gilt: In eine Wunderwelt einzutauchen, sich ihrer umfassenden Fülle überlassen, muss nicht heißen, das Bewusstsein auszuschalten.

Giya Kancheli, der 1935 in Georgien geborene Komponist, führt in eine Welt, die nur indirekt mit der Musik seines Landes, aber sehr viel mit dessen politisch-geografischer Situation und mit Frömmigkeit als untergründiger Erlebniswelt zu tun hat. Die Stücke "Morning Prayers" und "Evening Prayers" aus dem Zyklus "Life without Christmas" rahmen gleichsam einen Tag. In der Mitte steht das Werk "Abii ne viderem", dessen lateinischer Titel (etwa "Ich wandte mich ab, damit ich nicht sehe?") an den biblischen Stil des Predigers Salomo denken lässt.

 

Es ist an den Hörenden, sich ein "Leben ohne Weihnachten" vorzustellen, in dem Morgen- und Abendgebet so tastend sich heran wagen an das Unsagbare, das nur in Tönen zu sagen ist; in dem Hoffnung aufscheint, in Verzweiflung zerbirst und die doch nicht aufgeben will. Worte sind kaum wahrzunehmen, alles ist Klang. Das Stuttgarter Kammerorchester hat sich unter Dennis Russell Davies tief in Kanchelis Welt eingespielt, in "Evening Prayers", die Alfred Schnittke gewidmet sind, zusammen mit dem Hilliard Ensemble, in "Abii ne viderem" ganz auf die Instrumente und die Solistin Kim Kashkashian konzentriert. Mit einem einsamen Ton betritt sie zögernd unheilvolles Gelände, das Orchester antwortet stürmisch aufschreckend. Das wiederholt sich, immer wieder, unbeirrbar, der Einzelton, in rauer Einstimmigkeit das Orchester. Die Klänge finden wieder zueinander, über lichten Klavierakkorden tobt es. Nicht Resignation, nicht bloßes Sich-Abfinden, doch das Innerste ergreifende Trauer breitet sich aus. Die Bratsche klagt, stockt, singt einen verhangenen Gesang, ein weit gedehnter Schluss endet in Stille.

Die Dramaturgie der Produktion legt nahe, dass "Abii" für eine Grundstimmung steht, die, der Realität konfrontiert, dieser nicht gewachsen ist. Aber Gebete umschließen sie und sprechen ihre eigene Sprache. "Aus Musik entsteht Stille", sagt Kancheli, "und zuweilen wird die Stille selbst zur Musik. Eine solche Stille zu erreichen, ist mein Traum." Nichts weiter, nur hören."

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