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24.09.2004

Von Tigern und Menschen

Von Tigern und Menschen

Manch ein Kritiker hat bereits behauptet, die Filmkomponisten seien die Klassiker von heute. Tatsächlich hat sich das Genre des Soundtracks vom Handlanger der Bilder zu einer selbstständigen Kunstform gemausert, deren Komponisten auch jenseits des funktionalen Zusammenhangs auf der Leinwand zu bestehen vermögen. Zwei aktuelle Beispiele dafür sind eben erschienen, Alexandre Desplats "Girl With A Pearl Earring" ("Das Mädchen mit dem Perlenohrring") und Stephen Warbecks "Two Brothers" ("Zwei Brüder").

Der Plot von "Girl With A Pearl Earring" ist betörend. Ein junges Mädchen wird als Dienstmagd im Hause des Malers Vermeer angestellt. Bald stellt sich heraus, dass die Unschuld vom Land offenbar ein intuitives Verständnis für die Bilder des Meisters entwickelt. Sie wird für ihn zu einer Art Muse und zum Modell des berühmten gleichnamigen Bildes, muss sich auf der anderen Seite aber mit dessen eifersüchtiger Gattin und dem Mäzen Vermeers herumärgern, der das Mädchen nicht gemalt sehen will. In der Hauptrolle brilliert dabei die Frau mit dem zur Zeit schönsten Schmollmund Hollywoods, Scarlett Johansson, bekannt aus dem "Pferdeflüsterer" (1998) und als wunderbares Alter Ego Bill Murrays in "Lost In Translation" (2003). Alexandre Desplat, der zu den festen Institutionen des europäischen, vor allem französischen Films gehört, und über die Musik zu Streifen wie "Family Express" (1990), "Ferien und andere Katastrophen" (1999) oder "Pakt des Schweigens" (2003) bekannt wurde, hat dem historischen Filmepos einen charmant unaufdringlichen, romantischen Gestaltungsidealen verpflichteten Soundtrack geschrieben, der sich vor allem an den leidenschaftlichen und melancholischen Momenten der Geschichte orientiert. Ein zartes Hörbild zu einem zärtlichen Film mit einer der Senkrechtstarterinnen des internationalen Kinos im Mittelpunkt.

Stephen Warbeck hingegen hatte mit anderen Protagonisten zu tun. Die Stars des Films "Two Brothers" von Jean-Jacques Annaud sind zwei Tiger. Und das erfordert durchaus ein wenig Flexibilität in der musikalischen Ausarbeitung: "Es ist eher selten, dass ein Komponist aufgefordert wird, einen Soundtrack für einen Film zu schreiben, deren Hauptdarsteller Tiger sind. In diesem Film 'Zwei Brüder' wurde es möglich, mit einer weit größeren Skala an Ausdrucksmöglichkeiten zu hantieren, weil wir anstatt der Dialoge schlicht Sound und Musik zur Verfügung hatten. Außerdem hat es mir einen enormen Spaß gemacht, mit Jean-Jacques Annaud zu arbeiten und ich hatte in seinem Humor und seine Vorstellungskraft eine konstante Quelle der Inspiration", erinnert sich Stephen Warbeck an die Entstehungsphase von Film und Musik. Vor diesem Hintergrund schuf der Komponist, der 1998 für den Soundtrack von "Shakespeare In Love" seinen ersten Oscar erhalten hatte, einen erstaunlichen Kosmos akustischer Geschichten, der von reinen Stimmungsbildern über emotionale Impressionen bis hin zu dramatischen Abläufen reicht, bei denen man die Bilder bereits ohne Leinwand vor sich zu sehen glaubt.