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10.09.2004

Orchesterjuwelen

Orchesterjuwelen

Es gab Zeiten, da war eine Schallplatte ein Wertobjekt. Die 180 Gramm einer Vinyl-Langspielplatte flößten allein haptisch schon Respekt ein, vor allem wenn es sich um eine der Meisterpressungen aus dem Hause der Deutschen Grammophon handelte. Mit einem Verkaufspreis von 24 D-Mark oder mehr war sie außerdem ein Luxusgut, das sich auch ein gehobener Angestellter nur einmal im Vierteljahr leisten konnte. Da war Kompetenz auf allen Seiten gefragt, nicht nur bei den Künstler und Herstellern, sondern auch bei den Verkäufern im Plattenladen. Aus diesem Grund produzierte die Grammophon im Februar 1954 eine Muster-LP mit dem Titel "Musik ... Sprache der Welt" und kommentierten Ausschnitten aus dem aktuellen Sortiment, die als Informationshilfe für die Beratung an der Musiktheke gedacht war.

Sie wurde schnell zum Sammlerstück und nun auch zum Titel einer 10 CD-Box mit legendären Orchesteraufnahmen der 50er Jahre, die an die Zeit der besonderen künstlerischen Sorgfalt erinnert. Sogar eine ausführlich kommentierende Broschüre entstand zu dieser Edition früher Hörjuwelen der Schallplattengeschichte, die in kleiner Auflage (300 Stück) über info@klassikakzente.de zu beziehen ist.

So etwas wäre heute nicht mehr finanzierbar. Rund 22 Stunden über sechs Tage verteilt nahm Igor Markevitch mit den Berliner Philharmonikern in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche im November 1953 auf, bis er das Gefühl hatte, eine passable Version der 48 Minuten "Symphonie fantastique" von Berlioz im Kasten zu haben. Das Resultat gab ihm letztlich recht, trotz allem aber war es ein Marathon, der dokumentiert, wie viel Aufmerksamkeit man vor einem halben Jahrhundert den Aufnahmen und Interpretationen klassischer Werke widmete. Für die Nachwelt jedenfalls war es ein Glück, denn Markevitchs Deutung vor Berlioz monumentalem Klangepos ist noch nach Jahrzehnten ein Erlebnis. Mag sein, dass es an seiner eigenen kompositorischen Neigung lag, sich derart sympathetisch mit der Partitur auseinander zu setzen. Jedenfalls legte der französische Dirigent ukrainischer Herkunft, der gerade im Begriff war, auf internationalem Parkett durch zu starten, besonderen Wert auf die rhythmischen und dynamischen Nuancen der Darstellung. Mit welcher Verve geht er die "Réveries" an, wie schillernd entfalten sich die Farben in den ruhigeren Passagen, mit welcher nahezu rauschhaften Ekstase trägt er die Notenvorlage über sich hinaus! Hier präsentiert sich ein selbstbewusster Idealist, analytisch präzise bis ins kleinste Detail, der sein Ensemble mit Chuzpe zu leiten verstand. Und mit Humor, wie Bizets "Jeux d'enfants" zeigen, die vier Jahre später festgehalten wurden, als Markevitch die Leitung des Orchestre des Concerts Lamoureux übernommen hatte. Wieder konnte man hören, wie er einem Werk seinen Stempel aufdrückte, bis hin zum wilden Schlussgalopp.

Wenige Monate vor Markevitch begaben sich die Berliner Philharmoniker mit einem anderen wichtigen Gastdirigenten in Klausur. Fritz Lehmann hatte sich einen Namen als Dirigent Alter Musik gemacht. Er hatte bereits 1934 die Händel-Festspiele in Göttingen ins Leben gerufen und galt als einer der ersten, der sich konsequent für die Aufführung nach historischen Kriterien stark machte. Er grub barocke Opern aus den Tiefen der Archive aus und war einer der Spezialisten des Bach-Repertoires - die Ironie des Schicksals wollte es, dass er viel zu früh 1956 während einer Aufführung der "Matthäus-Passion" verstarb. Zu den daher seltenen Dokumenten, die ihn mit den Berliner Philharmonikern präsentieren, gehört daher auch die Aufnahmen der "Musik zum Schauspiel 'Rosamunde'", die "Ouvertüre 'Die Zauberharfe'" und das "Ständchen" von Franz Schubert, die zwischen November 1952 und Januar 1953 ebenfalls in der Jesus-Christus-Kirche aufgezeichnet wurden. Hier zeigt sich ein Fritz Lehmann, der dem romantischen Pathos die Klarheit des an der historischen Aufführungspraxis geschulten Analytikers entgegenstellen kann. Sein Schubert behält den Hang zum Beethovesken, ohne in die Monumentalität abzugleiten. Die Berliner bekommen einen strahlenden Klang, nicht so scharf wie bei Markevitch, aber noch immer, sogar trotz der mono-Technik, beeindruckend kompakt und präsent.