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10.09.2004

Spätes Genie

Spätes Genie

In Paris hatten sich bereits die Generalstände versammelt und drängten den König Ludwig XVI zunehmend in die Enge. In Berlin hingegen sah man den antifeudalistischen Bestrebungen in Frankreich mit Gelassenheit entgegen. Man hatte ja einen Regenten wie Friedrich Wilhelm II, der noch dazu ein Freund der Künste und ein passabler Cellist war. Man gab weiterhin Soiréen bei Hofe und lud sich Koryphäen wie Wolfgang Amadeus Mozart in den Palast. Am 26.Mai 1789 spielte er ein Konzert vor dem König und bekam bei dieser Gelegenheit den Auftrag, sechs Streichquartette für seine Majestät und sechs leichte Klaviersonaten für Prinzessin Frederike Charlotte Ulrike Katherine zu schreiben. Ein Zeichen der Gunst und für den ständig in Geldnot steckenden Mozart ein willkommenes Zubrot.

Doch es sollte alles anders kommen. Von den sechs Quartetten wurden nur drei tatsächlich verwirklicht. Das erste stellte Mozart noch im Juni desselben Jahres fertig (KV 575), die beiden anderen folgten im Mai 1790 (KV 589) und Juni 1790 (KV 590). Da im Juli 1789 seine Frau Constanze schwer erkrankte und dadurch erhebliche Kosten verursachte, sah sich Mozart gezwungen, fortwährend seinen Freund und Förderer, der Kaufmann Michael Puchberg, um Geld anzupumpen. Mit der Anstellung bei Hofe in Wien wollte es nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph II auch nichts werden und so lebten die Mozarts beinahe von der Hand in den Mund. Die Situation wurde gar derart prekär, dass der Komponist sich im Juni 1790 gezwungen sah, seine Streichquartette, "diese mühsame Arbeit um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen". Mag sein, dass er aus diesen Gründen auch den Auftrag nicht mehr weiter ausführte, da er doch die Ergebnisse seiner Kunst nur wieder an Wucherer hätte abtreten müssen. Jedenfalls blies die Realität dem Mann, der noch von wenigen Jahren von Joseph Haydn aufgrund der früherer Quartette als einer der größten Komponisten aller Zeiten gelobt wurde, einen kalten, scharfen Wind ins Gesicht.

Umso erstaunlicher ist die Leichtigkeit, die er mit den Kammermusikwerken KV 589 und KV 590 zu vermitteln vermochte. Im Hintergrund stand wohl die Absicht, Werke zu schreiben, die den König als Instrumentalisten nicht überforderten, trotzdem aber ein Höchstmaß an künstlerischer Ausdruckskraft vermittelten. Man konnte Anklänge an Salzburger Zeiten hören, überhaupt wirkten die Quartette erfrischend nonchalant in einer Zeit, die zunehmend rationalistisch wurde. Doch die Einfachheit der Oberfläche täuscht, denn gerade die fließende Wirkung gehört zum Schwersten, was von Interpreten gefordert werden kann.

Für das Hagen Quartett ist es daher nur selbstverständlich, dass die späten Werke KV 589 und KV 590 und mit ihnen zusammen das etwas früher entstandene KV 499 relativ am Ende ihres Mozart-Zyklus' stehen. Nach den viel gelobten Aufnahmen von Bartók-Werken (2000) und den sechs "Haydn"-Quartetten (2001) zeigt das 1981 in Salzburg gegründete Ensemble um die Geschwister Hagen mit stilsicherer Genauigkeit, wie aus den Vorlagen Kunstwerke entstehen können. Denn die Sensibilität im Umgang mit den verschmitzten Stimmführungen, der hintergründige Humor, der in KV 590 verborgen liegt, überhaupt die Stringenz der Darstellung kann nur eine Gemeinschaft von Musikern erreichen, die sich nichts mehr erklären muss, sondern als Einheit dem Fließen der Töne widmen kann.