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06.08.2004

Abseits der Norm

Abseits der Norm

Als Tatjana Vassilieva den Großen Preis des Rostropovich-Wettbewerbs in der Hand hielt, war sie gerade 24 Jahre alt. Das war im Oktober 2001 und es kommt ihr vor, als wäre es bereits eine Ewigkeit her. Denn seitdem kann sich die Cellistin aus Nowosibirsk über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Sie gehört inzwischen zur Spitze der jungen instrumentalen Elite ihres Fachs und dokumentiert mit ihrem "Arpeggione"-Recital, dass sie auch in Fragen des Repertoires ein gutes Gespür für außergewöhnliche Qualität hat.

Im Jahr 1823 erfand der Wiener Geigenbauer Johann Georg Staufer ein Instrument, das er Guitarrre-violoncell oder auch Guitarre d'amour nannte. Es beruhte auf der Idee der sechssaitigen Streichgitarre, übernahm deren Stimmung, ähnelte in der Form aber einem Cello. Die spieltechnischen Vorzüge lagen auf der Hand. Doppelgriffe, Akkorde und Arpeggien ließen sich wesentlich leichter ausführen als an herkömmlichen Instrumenten, allerdings auf Kosten des modulationsarmen, leiblichen und zugleich vollen Tones. Doch das schien Staufer zweitrangig und so war er guter Dinge, als sich der Gitarrenspezialist Vincent Schuster dafür interessierte und ihm ein Exemplar der "Arpeggione" abnahm. Tatsächlich schien das Geschäft bald anzulaufen, denn dieser Schuster schrieb nicht nur ein Lehrbuch zum Erlernen des "Guitare-Violoncells", sondern bat auch Franz Schubert, der gerade frohen Mutes von einem Job bei den Esterhazys wieder in der Stadt war, ob er denn nicht etwas für das neue Instrument sich ausdenken könne. So kam es denn zur einzigen Komposition für Arpeggione, die jemals geschrieben wurde, der Duo-Sonate a-Moll D.821 von 1824. Es wurde ein reizvolles kleines Werk, das allerdings nicht verhindern konnte, dass der eigenartige instrumentale Zwitter sich nicht durchsetzen konnte. Bald jedenfalls gerieten Arpeggione und Sonate in Vergessenheit, eine Anekdote der Musikgeschichte.

Nicht ganz, denn findige Cellisten auf der Suche nach Repertoireleichen fingen an, das Werk für ihr Instrument nutzbar zu machen. So begann die zweite Karriere der a-Moll Sonate D.821. Für die Cellistin Tatjana Vassilieva jedenfalls gehört das Stück zu den wichtigen Werken Schuberts, das seinen Platz in der Literatur verdient hat. Und deshalb hat sie es auch an den Anfang ihres Duo-Recitals gestellt. Dazu kommen César Franks Violinsonate A-Dur in der Cellobearbeitung, schließlich Stravinskys Transskriptionen aus "Pulcinella", die unter dem Titel "Italienische Suite" (1932) bekannt wurden.

An ihre Seite hat sich die inzwischen in Berlin lebende sibirische Künstlerin einen jungen französischen Kollegen geladen. Am Klavier sitzt Pascal Godart, ebenfalls ein bereits mit reichlich Preisen dekorierter Aufsteiger der europäischen Musikszene, der sich in diesem Fall als sensibler und inspirierter Gegenpol zu Vassilievas Temperament herausstellt. So ist "Arpeggione" ein auffälliges, weil mutiges Album, das sich nicht auf die Standards der Notentexte verlässt, sondern bewusst neue Klangterrains erkundet. Denn nur so kann man sich auf Dauer im Haifischbecken der internationalen Konkurrenz behaupten, durch Eigenheit, Witz und überraschende Ideen.