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30.07.2004

Schlingensiefs Parsifal

Schlingensiefs Parsifal

Wenn es stimmt, dass der grüne Hügel von Bayreuth Jahr für Jahr auf zwei Quadratkilometern den aktuellen Zustand Deutschlands abbildet, dann könnte es demnächst wieder spannend werden in diesem Land. Denn Christoph Schlingensief hat dank seiner exzellenten "Parsifal"-Inszenierung die Wagner-Festspiele auf einen neuen Kurs gebracht. Bayreuth ist mit Schlingensief auf radikale Weise im Jetzt angekommen, da wurde keine Legende verwaltet, nicht die Vergangenheit besungen oder die Zukunft verklärt. Das war heute: trostlos und somnambul, provinziell und hochtechnologisiert zugleich.

So wie im Fadenkabinett auf dem Jahrmarkt baumelten dem irritierten Premieren-Publikum zahllose Ideenstränge entgegen, schlug von der Bühne ein dämmeriges Chaos entgegen, dass sich nicht eigenständig löste, sondern entziffert werden will. Der Zuschauer kann sich Teile der Inszenierung greifen und nutzen, zur Interpretation von Wagner, dem Eintauchen in uralte Mythen, zur Analyse der politischen Gegenwart oder auch einfach nur zum Spass; denn wunderbare Bilder mit suggestiver Kraft und Tiefe gab es jede Menge bei dieser Inszenierung. Das funktioniert wie eine Art bühnengewordenes Internet, wie eine konstante Überforderung, die ganz normale digitale Flut, die uns täglich wegzuspülen droht.

 

Schlingensief hat seine gesamten künstlerischen Themen, seine Inspirationen und Einflüsse verarbeitet: ob er selbstbewusst Joseph Beuys zitiert und den Hasen als eine Art Urtier ins Zentrum seiner optischen wie medialen "Parsifal"-Inszenierung stellt, ob er kleinwüchsige Behinderte über die Bühne stolpern lässt und der teutonenhaften Idealfigur seines Heldentenors gegenüberstellt, ob er auf Gazevorhängen vor Bühne und Ensemble oder mittels Beamerprojektionen auf ihm Film-Collagen über Amöben, Voodoo-Riten, Fusswaschungen in Afrika, Runen-Animationen oder Fotos ablaufen lässt - immer knallt multimediales Spektakel auf analoge Welt, dicke schwarze Frauen auf Hightech. "Stallorder", "Runen", "Gott" steht per Graffiti auf einem der Häuschen auf der Bühne geschrieben. Und auf dem Gral kann man ein "Quest"-Graffiti entziffern. Ein Supermarkt à la Schlingensief eben. Sein ganz persönliches Pandemonium. Und dazu läuft die wunderbarste Musik.

 

Pierre Boulez hat das Orchester, die Sänger, den Chor perfekt eingestellt. Zu jedem Moment merkt man, dass da keineswegs ein Regisseur gegen das musikalische Team gearbeitet hat, sondern mit ihm. Boulez nutzt die aussergewöhnliche Akustik von Bayreuth, die immer etwas gedämpft zu klingen scheint aber die grösste Transparenz bietet, für grandiose Dynamikentwicklungen; vom feinsten Geigensirren bis zum Tutti-Wahn. Und all das ohne Eitelkeit, sondern in einem echten Wohlfühlsound.

 

Dass eine Handvoll arroganter Wagner-Besserwisser noch in der Schlussvorhangbewegung zu Buhen begann, bereitete den meisten Zuschauern eher Freude - so konnte man zumindest ansatzweise von einem Skandälchen reden. Doch schnell war klar, dass Schlingensief der erstarrten Bewahrer-Camarilla nicht den Gefallen getan hatte, den Effekt zu suchen, sondern hart am Stück gearbeitet hat. Und genau deswegen den Bayreuther Festspielen eine Tür in Richtung Zukunft öffnet. Sein "Parsifal" wird jetzt fünf Jahre laufen. Viele Menschen werden seine Inszenierung sehen. Sie greifen sich, was sie wollen - von Schlingensief und von Wagner. Sie werden darüber nachdenken, reden und nachfühlen, nachhören, was sie in den sechs Stunden auf dem grünen Hügel begeistert oder erschrocken hat.

 

Und genau darum geht es: Wagner zu befreien. Das ist die Erlösung, die Christoph Schlingensief im Jahr 2004 zur Verfügung stellt. Das ist der wahre Volks-Parsifal: die Aufforderung zur Aktivität, zum Eingreifen, Zugreifen, Einmischen. Das ist hochpolitisch. Und eine echte, ernstzunehmende Botschaft, die Schlingensief zu bieten hat. Den Wagnerianern und dem ganzen Land. Denn das liegt ja bekanntermassen während ein paar Wochen im Sommer auf zwei Quadratkilometern in Bayreuth.