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23.07.2004

Zuerst, zuletzt

Zuerst, zuletzt

Die Exegeten der klassischen Musik haben im Laufe der Jahre sich einiges dazu einfallen lassen. Man geht davon aus, dass Ludwig van Beethoven unter anderem an den jungen und erfolgreichen Napoleon dachte, als er 1803/04 seine "Eroica" komponierte. Das Heroische betraf aber auch ihn selbst. Denn während er sich seinem dritten sinfonischen Werk widmete, kämpfte er gleichzeitig mit der einsetzenden Taubheit und den daraus folgenden Depressionen. Die Sinfonie war ein Zeichen, dass er sich für sich und die Kunst entschieden hatte. Und deshalb wundert es wenig, dass auch Herbert von Karajan sie für sein offizielles Orchester-Debüt wählte, das er im November 1931 in Ulm dirigierte.

Die Sinfonie Nr.3 in Es-Dur op.55, genannt "Eroica" revolutionierte die Musikwelt. Beethoven hatte beschlossen, einige der Konventionen der bisherigen Orchestersprache hinter sich zu lassen. Instrumente wurden individualisiert und enttypisiert, Motive fanden sich in neuen, zum Teil gegensätzlichen Linien und Themen wieder, die Durchführung bekam weit mehr Raum als bisher. Das war gewagt und wurde von den Zeitgenossen, die die prinzipiellen Veränderungen noch nicht deuten konnten, als Programmmusik missverstanden. So war für viele ganz klar, dass das am 7.April 1805 im Theater an der Wien uraufgeführte und Fürst Franz Joseph von Lobkowitz gewidmete Werk eigentlich den jungen Bonaparte feierte, der mit seinen Eroberungen das politische Gefüge Europas veränderte. Da Beethoven selbst eine solche zusätzliche Widmung andeutete - sie aber ersatzlos strich, als sich Napoleon zum Kaiser krönte - hält sich diese Deutung bis heute. Und sie lässt sich durch entsprechende Interpretationen noch unterstreichen.

Karajan war sich der Kraft bewusst, die die "Eroica" ausstrahlen konnte, und führte sie neben seinem Debüt noch an einer anderen prominenten Stelle auf. Denn als Deutschland unter alliiertem Beschuss in Schutt und Asche fiel, dirigierte er an einem Sonntagnachmittag im Mai 1944 das Werk in Berlin und der deutsche Rundfunk sendete es als Zeichen des Kulturbewusstseins in die Welt. Das war zwar Propaganda der subtilen Art. Trotzdem staunte manch einer, der das Radio angelassen hatte.

Stand die dritte am Beginn der Karriere, so gehörte die vierte zu den Sinfonien, die Karajan erst sehr spät in Angriff nahm. Der vermeintlich leichte und lebhafte Charakter, der spätestens seit Toscanini den Interpretationen anhaftete, war ihm suspekt und er musste erst seine eigene Beziehung zu dem Werk finden. Dabei half ihm sein Faible für die Möglichkeiten des Studios. Und sein Interesse an den Aufnahmetechniken setzte bereits in jungen Jahren ein. Zwar hielt er das Studio für einen kalten Ort, der nie vollkommen die Stimmung und Atmosphäre einer konzertanten Darbietung ersetzen konnte. Trotzdem erkannte er das kommerzielle Potential der sich rasant entwickelnden Medien und ließ sich auch von den verschiedenen Möglichkeiten der Archivierung begeistern. Schon in jungen Jahren gut mit Ernst von Siemens befreundet, der als Erbe der Elektro-Dynastie die Deutschen Grammophon gekauft hatte, machte er sich noch in den 1940ern daran, am akustischen Erscheinungsbild seiner Orchester auf Schellack zu arbeiten. Versuchs- und Messreihen wurden gestartet, allerdings sorgte der Zweite Weltkrieg dafür, dass nur wenige der akustischen Experimente, etwa mit den Vorformen der Stereophonie, zu Ende geführt werden konnten.

Als nach Kriegsende sich die Schallplattenindustrie zunächst mühsam, dann nach Markteinführung der LP 1951 sprunghaft erholte, war es jedoch wieder Karajan, der vor allem in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Walter Legge, sich an die Ausreizung des elektroakustischen Potentials wagte. So blieb es in den folgenden Jahren. Als zu Beginn der Siebziger die Möglichkeiten der Quadrophonie getestet wurden, überredete Karajan die Deutsche Grammophon, Aufnahmen der Beethoven-Symphonien zu wagen, die dann nur wegen technischer Probleme abgesagt wurden. Und als die CD sich als neuer Tonträger am Horizont abzeichnete, setzte sich Karajan zu Beginn der Achtziger mit dem Sony-Präsidenten Akio Morita auf Pressepodien, um dafür Werbung zu machen. Selbst die ersten Versuche mit der DVD bekam er kurz vor seinem Tod 1989 noch mit und begrüßte sie begeistert. Und so ist es selbstverständlich, dass Karajans berühmte Aufnahmen der 3. und 4.Sinfonie nun unter bestmöglichen Wiedergabebedingungen auf Super Audio CD (SACD) erschienen sind. Denn dem Maestro hätte es gefallen, wenn er die Früchte seiner Mühe in derart brillanter Form an der heimischen Anlage hätte genießen können.