Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

23.07.2004

Der Pragmatiker

Der Pragmatiker

Wilhelm Furtwängler hatte Humor. Keinen offensiven, eher einen beiläufigen, der sich aus den Situationen ergab. "Das Klavier ist ein Klopfinstrument", meinte er zum Beispiel während eines öffentlichen Gesprächs und verwies auf Stravinsky, der seiner Ansicht nach dem Perkussiven in der Musik Vorschub leistete. Und es ist nur eines der Bonmots, die sich auf der Bonus-CD mit Interviewausschnitten befinden, die die Furtwängler-Box der "Original Masters"-Reihe ergänzt.

In einer anderen Ausschnitt plaudert er über eine Aufführung von Beethoven "Leonoren"-Ouvertüre und merkt an: "An einer Stelle habe ich dem Flötisten empfehlen müssen, recht verstohlen und recht unbemerkbar zu atmen". Gelächter im Saal. Die trockene Art, mit der Furtwängler solche Sätze von sich gab, verwies auf seine grundlegend pragmatische Einstellung, mit der er an Musik heranging. Er wollte zum Klingen bringen, was er vorfand, möglichst unbeeinflusst von den persönlichen Eitelkeiten einzelner Ausführender und orientiert an den räumlichen und gestalterischen Gegebenheiten einer Aufführung.

Doch das war gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Vor allem, wenn solche im Konzertsaal durchaus schlüssigen Interpretationen für die Nachwelt festgehalten werden sollten. Furtwängler stand daher der Aufzeichnung seiner Musik skeptisch gegenüber. Besonders die Parzellierung einzelner Elemente für die kurze Laufzeit der Schellack-Platte machte ihm Kopfzerbrechen. Erst als es von November 1941 an möglich war, auch längere Passagen auf ein sogenanntes Magnetophonband zu archivieren, begann der, dem Medium ein wenig positiver gesinnt zu sein. Aber auch da nicht ohne Einschränkungen. Als er zum Beispiel im Oktober 1944 im Beethoven-Saal (die Philharmonie war bereits ausgebombt) Bruckners Neunte dirigierte, kam es fast zum Eklat, da er fürchtete, dass die Aufnahme ohne Kontrolle, wann immer es passte, vom Rundfunk genutzt werden konnte. (Womit er nicht ganz unrecht hatte, wenn man ein halbes Jahrhundert später eine Entwicklung beobachtet, wo nahezu alles in Minutenschnelle kopiert und weltweit verteilt werden kann)

Doch zurück zu den Original Masters. Am 30.November 2004 jährt sich der Todestag von Wilhelm Furtwängler zum fünfzigsten Mal. Aus diesem Grund haben die Archivspezialisten der Deutschen Grammophon die Lager durchforstet und einige Klangjuwelen aus der späten Phase des Dirigenten wieder zugänglich gemacht. Da ist zum Beispiel Mozarts 39.Sinfonie, die erste Aufnahme, die Furtwängler mit dem neuen Bandverfahren machen ließ. Da gibt es eben jene Bruckner-Sinfonie von 1944 aus dem Beethovensaal, von der bereits die Rede war. Oder auch einen berühmten Brahms-Mitschnitt von 1954, nach dem der Maestro behauptete, die Dritte eigentlich erst wirklich verstanden zu haben.

Die Aufnahmen wurden vorwiegend mit den Berliner Philharmonikern gemacht, nur in wenigen Ausnahmen mit den Kollegen aus Wien, die Furtwängler als Gastdirigent häufig leitete. Dazu kommt noch die Interview-CD mit Anmerkungen zu verschiedenen Aufführungsdetails und Werkfragen, die ein weiteres, spannendes Licht auf den ungewöhnlichen und stilprägenden Dirigenten wirft. So ist "Wilhelm Furtwänger - An Anniversary Tribute" ein idealer Anfang für die Beschäftigung mit zeitgenössischer Dirigierkunst, am Beispiel eines der größten Maestros des vergangenen Jahrhunderts.