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16.07.2004

Beethoven pur

Beethoven pur

Das Schöne an sorgfältig gemachten Aufnahmen ist unter anderem, dass man noch nach Jahren mit dem ursprünglichen Material arbeiten kann. Herbert von Karajan legte zeit seines Lebens Wert darauf, dass die höchstmögliche Latte an seine Studioarbeiten gelegt werden konnte. Und so waren die Voraussetzungen ausgezeichnet, um die berühmten Einspielungen seines Beethoven-Zyklus' von 1961/62 mit dem Möglichkeiten der Mehrkanaltechnik für das neue High-End-Medium SACD nutzbar zu machen. Das Resultat ist faszinierend: Noch nie zuvor waren Karajan und die Berliner Philharmoniker außerhalb des Konzertsaals vergleichbar lebendig und akustisch präsent zu erleben wie in dieser re-masterten Edition.

Als die Aufnahmen gemacht wurden, waren sie allerdings ein großes Experiment. Bislang hatte es niemand gewagt, eine Einspielung der Beethoven-Symphonien per se als Zyklus anzulegen, der komplett in einer Box in edlem Erscheinungsbild unter die Leute gebracht werden sollte. Die Kalkulation war riskant. Etwa 1,5 Millionen Mark kostete das ganze Projekt, ein nach damaligen Maßstäben immenser Betrag für eine Plattenproduktion. Umgerechnet auf den Absatz mussten sich mindestens 100.000 Stück der nicht eben billigen Boxen verkaufen, damit die Grammophon nicht draufzahlte. Tatsächlich aber scheinen Karajan und die Beteiligten des Unterfanges geahnt zu haben, dass alles anders kommen sollte. Denn die Beethoven-Box wurde zu einem der größten Erfolge der (klassischen) Schallplattengeschichte. In einer Zeit des Wirtschaftswunders, wo in den bürgerlichen Haushalten die Phono-Schränke als Prestige-Objekt Einzug hielten, war eine ebenso repräsentative und künstlerisch brillante Einspielung der Grundlagenwerke der symphonischen Moderne ein Muss, dass sich jeder wenn möglich leistete. So kam eben einiges zusammen, der Trend zum Exklusiven, das Bedürfnis nach kultureller Verortung im großen Erbe der Vergangenheit, die künstlerische Kompetenz eines außergewöhnlichen Dirigenten und dessen Orchesters und das ebenso herausragende Können der Tontechniker, die die musikalische Kraft der Interpretation auf ihren Bändern einzufangen und wiederzugeben verstanden.

Die ersten Sitzungen im Dezember 1961 widmeten sich der beiden ersten Symphonien. Lange Jahre waren sie von der deutsch-romantischen Interpretationspraxis geringschätzig behandelt worden, quasi als Vorstufen zur Genialität der mittleren und späten Phase des Komponisten. Auch Karajan wandte sich den Werken erst vergleichsweise spät zu - dafür aber umso ernsthafter und intensiver. Die Zweite dirigierte er erstmals 1947 in Triest, die erste schließlich 1950 in Wien. Seitdem jedoch waren sie ein fester Bestandteil seines Repertoires. Wenn ein Rezensent der Uraufführung der 1.Symphonie 1800 beklagte, dem Werk fehle das nötige Feuer, so hätte er mehr als eineinhalb Jahrhunderte später seine Freude an Karajans Version mit den Berliner Philharmonikern gehabt. Denn vor allem in den letzten beiden Sätzen wurde klar, mit welcher Vehemenz das Orchester zu Werke gehen konnte. Die 2.Symphonie wiederum wirkte gekonnt und zeitlos heiter, so dass man Yehudi Menuhis Urteil versteht, der einmal über Karajan meinte: "Er arbeitete seine Interpretation gründlichst durch und strebte danach, jede Sentimentalität und Übertreibung auf ein Minimum zu reduzieren. Man hört sich eine Aufnahme nur wenige Male an, wenn sich zwar nicht genau die Töne, wohl aber die persönlichen Eigenheiten oder Manierismen des Interpreten schon vorhersagen lassen. Karajan wollte, dass man eine Aufnahme immer wieder anhören kann". Wohlmöglich war es genau das, was die beiden symphonischen Frühwerke Beethovens seit Jahren gebraucht hatten. Ein klare und korrekte Behandlung, die die Eitelkeiten und Übertreibungen mancher Vorgänger korrigierte.