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02.07.2004

Boxentest

Boxentest

Tagtäglich strömen Zehntausende von Touristen durch das berühmte Gotteshaus. Die Notre-Dame auf der Ile de la Cité in Paris zählt nicht nur zu den Hauptattraktionen der Stadt, sondern hat auch ein ungewöhnlich mächtiges Instrument zu bieten, das wie kaum ein anderes in der Lage ist, umfassende Klangschattierungen darzustellen. Nachts, wenn alle Mobiltelefone verstummt und Kameras verschwunden sind, kann sich der Haus-Organist Olivier Latry seiner Leidenschaft widmen und die gewaltigen Pfeifen zum Klingen bringen. Die Deutsche Grammophon hat ihn dabei belauscht und eine Super Audio CD (SACD) mit seinen Transkriptionen aufgenommen.

Tatsächlich hat das Instrument einige Modernisierungen im Laufe der Jahrhunderte über sich ergehen lassen. Die Spektakulärste war wohl Mitte des 19.Jahrhunderts, als der Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll sie zwischen 1863 und 1868 komplett überholte, mit fünf Manualen und 86 Registern versah. Mehr als hundert Jahre später übernahm Pierre Cochereau eine ähnlich umfassende Veränderung und ersetzte die mechanische durch eine elektrische Tastatur, die wesentlich schneller arbeitete. 1992 schließlich wurde sie abermals überholt und mit einer noch präziseren elektronischen Tastatur versehen, die insgesamt 110 Register unabhängig voneinander steuern kann. Mit anderen Worten: Die Orgel von Notre-Dame ist eines der modernsten und zugleich renommiertesten Instrumente des Orgelspektrums und sie hat mit dem gewaltigen Kirchenraum einen eigenen Klangkörper zur Verfügung, den sie in charakteristische Weise beschallen kann. Das war auch die Idee der Produzenten der SACD "Midnight At Notre-Dame". Denn mit den neuen technischen Möglichkeiten der mehrkanaligen Aufnahme und Wiedergabe, ließ sich ein Raumgefühl einfangen, das am heimischen Hifi-Sessel die Größe und Wucht der Kathedrale nachvollziehen lässt.

Olivier Latry hat für die in den Nächten des vergangenen Winters stattgefundenen Recording Sessions ein besonderes Programm aus zweieinhalb Musikjahrhunderten zusammengestellt, das einige seiner französischen Orgelkollegen mit ihren Transkriptionen bereits vorbereitet hatten. Die Klammer bildet Bach, zuweilen zärtlich introvertiert wie der Choral "Jesus bleibet meine Freude", dann wieder stellenweise voluminös wie die Chaconne aus der "d-moll Partita für Solo-Violine". Da ist ein wuchtiger Mozart dabei, ein verhalten sich steigernder Wagner, ein beinahe fröhlicher Berlioz, aus dessen "Damnation de Faust" Latry die Bearbeitung des "Ungarischen Marsches" übernommen hat, die Henry Busser (1872-73), der Organist von Saint-Cloud, geschaffen hatte. Der wirkliche Test aber für jede gute Hifi-Anlage ist die Transkription Louis Viernes von Sergej Rachmaninows "Prélude op.3, no.2". Was leise, beinahe schüchtern beginnt und mit zärtlicher Behutsamkeit gespielt wird, endet in einem gewaltigen Finale, das die Orgelpfeifen erbeben lässt. Hier präsentiert sich die ganze Kraft, die von der SACD-Technik ausgeht und hier zeigt sich auch, wer mit seinen Kapazitäten an die Klanggrenzen gerät. Denn das ist mehr, als eine einfache Box noch angemessen abzubilden vermag. Das ist gewaltige Kunst mit einem Link zum Numinosen - was in einer Kirche ja erlaubt, wenn nicht gar erwünscht ist.