Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

02.07.2004

Der Skeptiker

Der Skeptiker

Man kann nicht sagen, dass Erich Kleiber die Schallplatte geliebt hätte: "Eine Schallplattenaufnahme ist Dosenmusik. Wenn ich Spargel essen möchte, versuche ich, frischen Spargel zu bekommen, und nur wenn das nicht geht, esse ich Dosenspargel. Mit einer Schallplattenaufnahme ist es genauso - es ist Dosenmusik". Wohlmöglich hätte er sein Urteil revidiert, wenn er die späteren Techniken der Tonaufzeichnung und Wiedergabe gekannt hätte. Jedenfalls war er nicht so dogmatisch, sich völlig der Archivierung zu wiedersetzen. Und so kann die Decca in der Reihe "Original Masters" nun eine 6CD-Box herausgeben, die viele große Momente des späten Kleibers in einer Edition versammelt.

Zwei Ereignisse prägten nachhaltig das frühe Künstlerleben von Erich Kleiber. 1890 in Wien geboren, schaffte er es trotz dem frühen Tod seiner Eltern, zunächst in seiner Heimatstadt, dann in Prag Violine und Komposition, dann Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Im Rahmen seiner Ausbildung landete er eines Abends im Konzertsaal und hörte die Wiener Uraufführung von Mahlers 6.Symphonie, die der Komponist selbst dirigierte. Kleiber war derart beeindruckt, dass der beschloss, selbst Dirigent zu werden. Er brachte es 1911 zum Chorleiter des Landestheaters in Prag, dann 1912 zum 3.Kapellmeister des Darmstädter Hoftheaters, wo er wiederum eine "Tristan"-Aufführung von Arthur Nikisch miterlebt, das zweite einschneidende Bühnenereignis, das ihn nachhaltig beeindruckt. In den folgenden Jahren erwies sich Kleiber als begabt und ehrgeizig, wechselte nach Berlin und schaffte es durch eine Vertretung, als er 1923 das Dirigent für den "Fidelio" einsprang, so sehr auf sich aufmerksam zu machen, dass er bald danach zum Generalmusikdirektor der Staatsoper ernannt wurde.

Bis zu Machtergreifung der Nazis blieb Kleiber auf diesem Posten und versuchte ein ausgewogenes Programm aus Klassikern und zeitgenössischer Musik zu bieten. Mit den kulturfeindlichen braunen Machthabern kam er jedoch schnell in Konflikt, als er an Alban Bergs Oper "Lulu" auf dem Spielplan festhielt. Kleiber dankte ab und ging nach Buenos Aires ans Teatro Colón, nachdem er zunächst als Gastdirigent durch Europa gezogen war. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, fand jedoch mit seinen hohen Ansprüchen an Probenarbeit keine feste Anstellung. Der Vertrag mit der Firma Decca war daher sowohl ein künstlerischer Notbehelf ("[Eine Aufnahme] hält ein für alle Mal eine bestimmte Darbietung, einen einzigartigen emotionalen Moment fest, wo doch niemals auch nur zwei Aufführungen identisch sind") als auch eine Möglichkeit der finanziellen Unabhängigkeit, so dass Kleiber bis zu seinem Tod in Zürich 1956 konsequent weiterarbeiten konnte. Während der Jahre 1949-55 entstanden auf diese Weise eine Reihe berühmten Mitschnitte unter anderem mit den Londoner Philharmonikern, dem Concertgebouw Orchestra und dem Kölner Radiosymphonie-Orchester, die vor allem Beethoven, aber auch Mozart, Weber und Schubert in den Mittelpunkt stellten. Einige davon sind wie Webers Nr.1, Mozarts "Deutsche Tänze", Beethovens Nr. 6 und Schuberts Nr.9 im Rahmen der Original Masters-Reihe zum ersten mal international auf CD erhältlich, andere gab es bereits in früheren Edition. Zusammen jedoch dokumentieren sie die späte Phase eines genialen Dirigenten, dessen Emotionalität, Emphase und Präzision, die Menschen von den Sitzen reißen konnte.