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25.06.2004

Hell! Hell! Hell!

Hell! Hell! Hell!

Kathleen Ferrier stand auf der Bühne von Covent Garden und brach sich während der Vorstellung von Glucks "Orpheo ed Euridice" ein Bein. Der Krebs hatte sich bereits in die Knochen gefressen und sie porös gemacht. Doch Ferrier ließ sich bis zum Ende der Szene nichts anmerken und sang trotz der Schmerzen weiter. Wenige Wochen später starb sie am 8.Oktober 1953 als bekannteste Altistin ihre Generation an den Folgen der Krankheit. Die BBC nahm das letztjährige Jubiläum zum Anlass, ein 58minütiges Portrait über Ferrier zu drehen, das nun auch auf DVD erhältlich ist.

Wahrscheinlich war sie selbst überrascht. Bis zum Carlisle Festival 1937 hielt sich die Teenagerin aus Higher Walton, Lancashire, vor allem für eine gute Pianistin und hatte sogar eine Zeitlang als Aushilfe in verschiedenen Billig-Jobs gearbeitet. Mit einem Mal aber hatte sie nicht nur den erster Preis im Fach Klavier in der Hand, sondern war auch noch als beste Vokalistin ausgezeichnet worden. Dieser Erfolg gab ihr zu denken und so nahm sie von 1939 an J.-H. Hutchinson, einem angesehen Lehrer in Newcastle-upon-Tyne Gesangsunterricht. Doch die Zeiten waren schlecht. Der zweite Weltkrieg zog seine Kreise und war bald bis in die Musikszene hinein zu spüren. Ferrier wurde allerdings Mitglied beim Council for the Encouragement of Music and Arts, bekam über diese Vereinigung zahlreiche Auftritte vermittelt und lernt auf diese Weise durch die Praxis, oft vor kriegsbedingt halbleerem Haus, sich als Sängerin zu bewähren. Im Winter 1942 bekam sie die Gelegenheit, dem Dirigenten Malcolm Sargent vorzusingen, einem einflussreichen Mann in der Londoner Kunstszene. Er holte sie in die Hauptstadt, wo sie sich daraufhin von dem Bariton Roy Henderson unterrichten ließ. Für ein Studium am Konservatorium blieb ihr keine Zeit, denn Ferrier schaffte es schnell in die vorderen Ränge der heimischen Altistinnen.

Im Jahr 1946 sang sie mit der Uraufführung von Benjamin Brittens "Der Raub der Lucretia" während der Festspiele in Glyndebourne ihre offizielle Bühnenpremiere, zur selben Zeit stand sie mit Bachs "Erbarme dich, mein Gott" aus der Matthäus-Passion zu ersten Mal für die Decca vor den Mikrofonen. Wenige Monate später konnte man sie bereits am Covent Garden hören. Die großen Konzerthäuser standen Schlange, nach Amsterdam, das sie fortan regelmäßig besuchte, folgte 1949 die erste Tournee durch die USA. Als besonders wichtig aber sollte sich der Kontakt mit dem Dirigenten und Pianisten Bruno Walter herausstellen. Denn der alte Herr bot sich der jungen Altistin nicht nur als Begleiter für Liedabende an, sondern machte sie auch mit großen Werke der deutschen Romantik von Mendelssohn bis Mahler bekannt. Er sollte ihr bis zu ihren letzten Aufnahmen, Mahlers "Lied der Erde" 1953, zur Seite stehen, und sie als treuer Freund begleiten.

Überhaupt hatte Ferrier viele Freunde und Bewunderer. Das lag nicht nur an ihrer berauschenden Kunst, sondern auch an dem einnehmenden Wesen, mit dem sie ihre Umwelt zu verzaubern verstand. Die BBC hat daher zahlreichen Zeitgenossen und spätere Verehrer befragt und ist dabei immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass Ferrier in jeder Hinsicht zu den Ausnahmegestalten des klassischen Musikbusiness gehört haben muss. Da es wenig Film- und Fernseh-Aufnahmen von Ferrier gibt, entwickeln die Autoren der Dokumentation den Lebensweg anhand der Erzählungen und einiger angedeuteter Spielszenen. Der Mythos wird dadurch wieder zum Leben erweckt, optisch wie akustisch durch die Bonus-CD mit rund 77 Minuten berühmter Aufnahmen von Glucks "What Is Life To Me Without Thee" bis zu den Volkslied "Blow The Wind Southerly". So bietet die DVD/CD den idealen Anfang, sich mit den Umständen eines besonderen Künstlerlebens zu beschäftigen. Voraussetzung allerdings sind gute Englischkenntnisse, denn die Dokumentation ist weder übersetzt noch untertitelt.