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25.06.2004

Die vergessene Oper

Die vergessene Oper

Der Komponist soll Tränen in den Augen gehabt haben, als er die Kritiken zu seiner Oper "Marion Delorme" las. Zwar war das Publikum der Uraufführung 1885 an der Mailänder Scala durchaus begeistert und bedachte das Werk mit anhaltendem Applaus. Trotzdem hieben einige Rezensenten verbal vehement auf die Aufführung ein und sorgten trotz einiger späterer Inszenierungen dafür, dass "Marion Delorme" weitgehend aus den Spielplänen der großen Häuser verschwand. Erst jetzt beginnt man, den künstlerischen Wert des spätromantischen Werkes wiederzuerkennen, wie etwa an der Opéra Berlioz, an der im Dezember 2001 die vorliegende Aufnahme entstand.

Zugegeben, der Stoff ist ein wenig verzopft. Schauplatz Blois, 1638, zur Blütezeit des höfischen Barocks. Marion Delorme ist eine berühmte Pariser Kurtisane, die sich in den jungen Didier verliebt hat. Sie will ihr Leben ändern, doch der Angebetete weiß nichts von ihrer Herkunft. Zufällig jedoch rettet er einem früheren Verehrer Marions, dem Marquis von Saverny, das Leben, duelliert sich aber trotz offiziellem Duellverbot wenig später mit dem Geretteten, weil er ihn nicht erkennt. Marion und Didier fliehen, werden jedoch als Schauspieler einer Theatergruppe erkannt. Saverny und Didier landen im Gefängnis und fliehen trotz mehrfacher aussichtsreicher Angebote nicht. So wird denn zum Schluss zügig enthauptet, obwohl sich Marion noch Kardinal Richelieu zu Füßen wirft. Die Vorlage des Librettos stammte von Victor Hugo, der das Ganze anno 1831 unter aktuellen politischen Vorzeichen geschrieben hatte. Der Autor Enrico Golisciani reduzierte die Figurenzahl von 23 auf 10, kürzte den vierten Akt des Schauspiels völlig heraus und schuf auf diese Weise eine Vorlage, die zumindest für die Musikbühnen bearbeitet werden konnte.

Amilcare Ponchielli (1834-86) wiederum kämpfte lange mit der Umsetzung. Obwohl Professor am Mailänder Konservatorium - ein angesehener Mann, der schon den jungen Puccini unterrichtet hatte, und außerdem renommierte Opernkomponist , dem mit "La Gioconda" und "Il Fugliuol Prodigo" zwei Publikumserfolge gelungen waren -, hatte er seine Zweifel, ob der Stoff in der Form, die ihm vorschwebte, auch angenommen werden konnte. Immerhin galt es, sehr unterschiedliche melodramatische Stimmungen wiederzugeben, die die Zuhörer durchaus ein wenig forderten. So dauerte es von der ersten Idee 1876 bis zum Uraufführung am 17.März 1885 an der Mailänder Scala beinahe ein Jahrzehnt. Und dann musste Ponchielli auch noch Schimpftiraden in den Zeitungen lesen, unter denen die Besprechung im "Corriere della Sera" noch eine gemäßigte war: "Zu viel Verurteilungen, zu viel Lobgesang, Stöße und Gegenstöße sind ungewöhnlich gewaltsam, Nervosität und Gefühle, die einerseits an Böswilligkeit grenzen, andererseits an blinden Fanatismus". Die Presse störte sich am Stoff und trotz später revidierter Urteile und Wiederaufnahmen verschwand "Marion Delorme" im Depot der vergessenen Stücke. Erst Ende der 1990er Jahre gab es wieder neues Interesse und so wurde 2001 an der Opéra Berlioz eine Inszenierung gewagt, die gleich auf CD festgehalten wurde. Es singen und spielen Denia Mazzola-Gavazzeni in der Hauptrolle, Francisco Casanova in der Rolle des Didier und Dalibor Jenis als Marquis, unterstützt vom Orchestre National de Montpellier unter der Leitung von Friedemann Layer und dem Chor der Oper von Montpellier. So entstand eine längst überfällige Auffrischung eines von der Zeit vergessenen Werks, das einmal mehr dokumentiert, dass Amilcare Ponchielli mehr Wichtiges als nur die "Gioconda" ersonnen hat.