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18.06.2004

Der genarrte Narr

Der genarrte Narr

Es ist eine der traurigsten Partien der Operliteratur, verpackt in einige ihrer größten Melodien. Rigoletto, der Narr, macht, wofür er bezahlt wird, und verhöhnt einen Grafen am Hofe des Herzogs. Er erntet dafür einen Fluch, der sich am Ende der Oper erfüllt. Seine Tochter Gilda stirbt in den Armen ihres Vaters als irrtümliches Opfer eines Mordkomplotts, Rigoletto ist allein, der genarrte Narr.

Als Guiseppe Verdis Oper "Rigoletto" 1851 in Venedig uraufgeführt wurde, war er bereits einer der begehrten Opernkomponisten seiner Generation, auch wenn Meisterwerke wie "Il Trovatore", "La Traviata" und "Aida" erst noch vor ihm lagen. Umso mehr bemühte er sich darum, das melodramatische Libretto, das Francesco Maria Piave nach einer Vorlage von Victor Hugo geschaffen hatte, möglichst wirkungssicher umzusetzen. Das Figureninventar ist begrenzt, ebenso die Raumsituation der Handlung. Die Charaktere der einzelnen Gestalten, Gegensätze wie Unschuld und Leichtlebigkeit, Rachsucht und Vergebung sind deutlich an die Figuren gebunden und werden in und mit ihnen entwickelt. Zugleich sorgen großartige Chöre und Hitarien wie "La donna e mobile" dafür, dass sich "Rigoletto" besonders effektvoll umsetzen lässt. Als John Dexter den Auftrag bekam, für die Metropolitan Opera sich der berühmten Oper anzunehmen, nahm er sich daher die Bilder des venezianischen Malers Giorgione (1477/8-1510) zum Vorbild, der mit für seine Epoche besonders aufgeprägter Lichtdramaturgie die Renaissancewelt in Szene gesetzt hatte. So gibt es auch in den Bühnenbildern Kontraste, die besonders deutlich die emotionalen Aspekte des Stücks betonen, auffällige Schattenräume, verwinkelte Gassen, metonymische Gleichsetzungen von innen und außen. Die Kostüme bleiben historisierend, die Rollenvorstellungen aber präsentieren sich individuell und wenig schematisch. Tatsächlich wird der Narr zur verblendeten, zutiefst traurigen Gestalt, die aufrichtig Liebende zur betrogenen Unschuld, der glänzende Fürst zum hormongesteuerten Schurken.

Der Erfolg der Inszenierung blieb nicht aus. In der New York Post etwa konnte man lesen: "Kaum einer hat je die Höflinge ergreifender angeprangert oder das Racheduett mit Gilda besser gesungen. Er bot eine große Verdi-Interpretation [...] Domingo und Cotrubas waren dramatisch völlig überzeugend, und das Gleiche gilt auch für Justino Diaz' unheilvollen, gut gesungenen Sparafucile und Isola Jones' Maddalena. John Cheek war ein bewegender Monterone. James Levine erwies sich wieder einmal als vorzüglicher Verdi-Dirigent. Dass er Verdis Vorschriften folgte und auch die üblicherweise gestrichenen Passagen brachte, trug ebenso wie sein Rhythmusgefühl zur exzellenten musikalischen Qualität der Produktion bei". Nicht zuletzt aber waren es Placido Domingo als leichtlebiger Herzog von Mantua, Cornell MacNeil als dämonischer Narr und Ilena Cotrubas als unschuldig-naive Gilda, die der Aufführung die nötige Präsenz verliehen. Aufgezeichnet am 7.November 1977 an der Met und sorgfältig optisch und akustisch ediert, liegt auf diese Weise ein "Rigoletto" auf DVD vor, der durchaus als maßgebend für andere Opernaufführungen gelten kann. Denn in diesem Fall stimmen Inszenierung und Ensemble, Dirigent und Solisten in derart harmonischer Perfektion überein, dass man auch nach beinahe drei Jahrzehnten noch staunen kann.