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18.06.2004

Heilig's Blechle!

Heilig's Blechle!

Eine der Nebenerscheinungen der wilden sechziger Jahre war die Veränderung des Hochkulturbewusstsein. Lange männliche Haare wurden in der Oper gesichtet, der Zwang zum Abendanzug bröckelte, der Geist der Freiheit zog in den hehren Räumen der Tradition ein. Es waren Jahre, in denen man sich etwas traute, wie zum Beispiel ein Bläserquintett zu gründen, das die festgefahrenen Gewohnheiten der Interpretation hinterfragte.

Natürlich konnte niemand ahnen, dass aus der studentischen Lust an der musikalischen Veränderung eines Tages eines der berühmtesten Bläserensembles der Welt werden sollte. Als 1970 der Posaunist Eugene Watts und der Tubist Charles Daellenbach sich mit ein paar Freunden zu einem ungewöhnlichen Blechquintett zusammenfanden, wollten sie zunächst ein wenig aus dem üblichen Schema ausbrechen. Über zwei Jahre hinweg sammelten sie Material und suchten nach der idealen Besetzung für ihr Canadian Brass. Sie fanden 1971 die Trompeter Fred Mills und Ronald Romm, schließlich ein paar Monate später den Hornisten David Ohanian. So wurde die Combo komplett und entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer Attraktion abseits des eingefahrenen Konzertbetriebs.

Nicht dass die fünf Musiker die klassische Tradition abgelehnt hätten - sie schufen im Gegenteil durchaus maßgebende Versionen von Vorlagen aus der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Sie sahen vor allem aber nicht ein, dass an den Grenzen von Ragtime auf der einen und der Sinfonik auf der anderen Seite Schluss für Künstler ihres Schlages sein sollte. Also begannen sie, mal populäres, mal großorchestrales Material zu bearbeiten und es mit Witz und Verve zu präsentieren. Die Rechnung ging auf. Nach den anfängliche Vorbehalten stellte sich die Presse auf ihr Klangbild ein und das Publikum begann, zu ihren Konzerten zu strömen, sei es in die Carnegie Hall oder in die zahlreichen anderen großen Sälen, in denen Canadian Brass bald zu spielen pflegten.

So wurde aus der Idee ein Erfolgsrezept, dass die CD&DVD-Kombination "Seen And Heard" nun zu einer Wunschbox mit dem Besten aus den produktiven frühen Neunzigern zusammengestellt hat. Das Spektrum der Kompositionen ist weit und reicht von Pachelbel bis Andrew Lloyd Webber. Es macht sogar vor den pompösen Klassikern der Sinfonik nicht halt. Beethovens erster Satz der Fünften gehört daher ebenso zu Programm wie Wagners "Walkürenritt" und wird frech Scott Joplin, George Gerswhin, Irving Berlin gegenübergestellt.

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen konnten die Musiker bereits auf rund ein Vierteljahrhundert Erfahrung zurückblicken und so gelang ihnen die Symbiose der Gegensätze derart perfekt, dass alle Zweifel über die Rechtmäßigkeit der Kombinationen wie Weggeblasen sind. Mehr noch: Canadian Brass haben Humor. Und das merkt man besonders, wenn man sich die mit der CD zusammen präsentierte DVD ansieht. Da wird nicht nur hochvirtuos musiziert, sondern auch mit filmischen Archivmaterialien aus der Jugend der Beteiligten eine amüsante Story außen herum gebaut. Das animierte Video zu "Bebop Bach" hat gar optische Qualitäten, die mühelos auf den Clipkanälen des Musikfernsehens bestehen würden. Und Rimski-Korsakows "Hummelflug" ist ein Musterbeispiel spannender Virtuosität:

  
So ist die CD&DVD-Compilation "Seen And Heard" eine unterhaltsam niveauvolle Einführung in den Sound- und Stilkosmos eines Ensembles, das die moderne Vorstellung von Blechbläserei nachhaltig verändert hat.