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04.06.2004

Mahler surround

Mahler surround

Die Super Audio CD ist ein Medium für Genießer. Dort wo der herkömmlichen zweikanaligen Stereophonie Grenzen gesetzt sind, kann über die Fünfkanaltechnik des neuen Mediums ein verblüffend authentisches Raumgefühl geboten werden. Die SACD ermöglich Hören aus der Position des Dirigenten, des ersten Geigers, als wäre man Mäuschen mitten im Orchester. Und schon deshalb bieten sich Mahler-Symphonien zur Bearbeitung für mehrkanaliges Musikerleben an. Denn sein Ensembleklang gehört zum Gewaltigsten, was die Tonunst zu bieten hat.

Mahler war Skeptiker. Er traute seinem Publikum nicht, weil er es oft genug erleben musste, dass die Menschen im Konzertsaal nicht nachvollziehen konnten, was er sich mit seiner Partitur gedachte hatte. Mit der vierten Symphonie (1900) machte er da keine Ausnahme. Nach außen hin mochte sie heiter und beinahe ein wenig naiv wirken - den Pfad zum romantischen Verständnis hatte Mahler über das Wunderhorn-Lied im vierten Satz selbst gewiesen -, im Kern jedoch gestaltete sie sich wesentlich dramatischer als vorgegeben. In einem Brief an Alma schieb Mahler mit ein paar Monaten zeitlicher Distanz: "Meine IV. wird Dir ganz fremd sein. - Die ist wieder ganz Humor - naiv etc.: weißt du, das an meinem Wesen, was Du noch am Wenigsten aufnehmen kannst - und was jedenfalls in alle Zukunft nur die Wenigsten erfassen werden". In einem weiteren Brief hieß es dann: "Im Allgemeinen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Humor dieser Sorte (wohl zu unterscheiden von Witz und muntrer Laune) selbst von den besten nicht erkannt wird".

Die Symphonie als Versteckspiel der Emotionen und Aussagen - für Pierre Boulez war das eine große Herausforderung. Selbst einer der versiertesten Komponisten der zeitgenössischen Moderne, nahm er sich gemeinsam mit dem Cleveland Orchestra und der Sopranistin Juliane Banse dem raffiniert verschlüsselten Werk an und gestaltete es als Wechselspiel der Gegensätze vom heiter gelösten ersten Satz mit seinen graziös und beinahe populären Themen bis hin zum vermeintlich paradiesischen, aber eigenartig unsteten Zustand des vierten Satzes, in dem die von Hörnerfanfaren getragene Vision des Himmlischen wieder erlischt.

In der fünften Symphonie (1903) scheinen die Stimmungen ebenso klar an der Oberfläche zu liegen. Der erste Satz beginnt mit einem schweren Trauermarsch, der zweite verarbeitet die Themen in verschiedenen Anläufen. Dann allerdings ist ein verblüffend tändelndes Adagietto eingefügt, dem ein kantabler vierter Satz und ein wieder ins tragische des Trauermarschthemas mündendes Finale folgt, das schließlich in einer fulminanten Apotheose überwunden wird. Mahler, ein Meister der musikalischen Verkleidungskunst, hat in diesem Fall wieder ein Detail verarbeitet, das kaum jemandem bekannt wurde. Denn das heitere "Adagietto" war eine musikalische Huldigung an Alma. In der Partitur, die er seinem Freund, dem Dirigenten Willem Mengelberg, gegeben hatte, kann man einen Eintrag des Besitzers lesen: "Dieses Adagietto war eine Liebeserklärung an Alma! Statt eines Briefes sandte er ihr dieses im Manuskript: weiter kein Wort dazu. Sie hat es verstanden und schrieb ihm, er solle kommen!!! Beide haben mir dies erzählt. WM". In diesem Fall konnte Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern aus den Vollen schöpfen. Im Rahmen seines lang angelegten Mahler-Zyklus gewann er der Fünften eine Vielzahl schillernder Färbungen ab, die nun erst in der Bearbeitung für die Mehrkanal-Edition vollends zum Tragen kommen. In solchen Fällen erweist sich die SACD als der bislang krönende Höhepunkt der Hifi-Geschichte, die gerade bei Mahler aus den bereits klangmächtigen CD-Aufnahmen ein berauschendes Musikerlebnis mit kathartischen Qualitäten macht.