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14.05.2004

Götterfunke

Götterfunke

Das ist wirklich Globalisierung. Ein japanischer Dirigent und ein japanischer Chor stimmen mit einem deutschen Orchester und amerikanischen Solisten die von einem Bayern vertonten Verse mittelalterlicher Mönche und Vaganten an. So geschehen 1989 in Berlin und für die Philips auf Video respektive DVD festgehalten.

Als Napoleon 1803 beschloss, die kirchlichen Besitztümer in weltliche zu verwandeln, konnte er nicht ahnen, was er damit alles veränderte. Denn er krempelte nicht nur die über ein Jahrtausend gewachsenen Eigentumsverhältnisse in Europa um, sondern gab auch einen Freibrief für Plünderungen und Zerstörungen. Allerdings kam auch manches zum Vorschein, was seit Angedenken in den hinteren Winkeln kirchlicher und klösterlicher Institutionen schlummerte. Im bayerischen Benediktbeuern zum Beispiel fand sich unter den vielen Folianten der Bibliothek eine abstrus zusammengestellte Sammlung mittelalterlicher Texte, die der Germanist Johann Andreas Schmeller unter dem Titel "Carmina Burana" ("Gesänge aus Benediktbeuern") zusammenstellte. Da waren spirituelle Texte darunter, aber ebenso derbe Verse in Mittellatein und sogar Mundartiges aus dem bajuwarischen. Der junge Carl Orff (1895-1982) bekam diese Sammlung in die Finger und war begeistert. Er stellte sie nach Themenkomplexen für seine Zwecke zusammen - Natur, Wein, Liebe, Schicksal - und komponierte sein eigenes imaginäres Mittelalter drum herum. In Frankfurt wurden diese "Carmina Burana" 1937 von Oskar Waelterlin uraufgeführt und seitdem gehören sie zu den markantesten Kompositionen des vergangenen Jahrhunderts. Denn auf der einen Seite legte Orff Wert auf Einfachheit, Burleske, auf der anderen waren seine Hymnen, Lieder und Tänze sorgfältig austarierte Meisterwerke der musikdramaturgischen Spannungslenkung. Besonders der Eingangs- und Schlusschor "O Fortuna!" wurde von der Klassikwelt entdeckt und sogar des öfteren von der Werbung missbraucht.

Wie dem auch sei, im Jahr 1989 lud Seiji Ozawa in die Berliner Philharmonie zur Live-Aufführung der "Carmina Burana". Er hatte nicht nur die Berliner Philharmoniker und den Knabenchor des Staats- und Domchores Berlin zur Verfügung, sondern auch den gewaltigen Shin-Yu Kai Chor und die Solisten Kathleen Battle (Sopran), Frank Lopardo (Tenor) und Thomas Allen (Bariton). Mit diesen Voraussetzungen konnte die Vorstellung nur gelingen. Die Kamera folgte dem Meister aus Hoten in der Madschurei dabei auf dem Fuß und versuchte, seinen emphatischen Dirigierstil nachvollziehbar zu machen. Remastered in DTS Digital 5.1 Surround-Sound hat man dabei das Gefühl, tatsächlich dem Dirigenten über die Schulter zu blicken und aus seiner Perspektive das Geschehen zu erleben. Ähnliches gilt auch für Beethovens Neunte, den zweiten Teil der DVD-Edition, die ein gutes Jahrzehnt später in Tokio festgehalten wurde. Auch hier glänzt Ozawa durch logische Darstellung des Werkes und klare Führung der japanischen Ensembles, die für "O Freunde, nicht diese Töne!" und den Schlusschor um Anne Schwanewilms (Sopran), Barbara Dever (Alt), Paul Groves (Tenor) und Franz Hawlata (Bass) ergänzt wurden. Zwei rundherum sehens- und hörenswerte Kulturereignisse auf einer DVD!