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07.05.2004

Reise zu fremden Klangwelten

Trio Mediaeval, Reise zu fremden Klangwelten

In unkonventionellen Programmzusammenstellungen beweist das Trio Mediaeval, wie spannend die Kombination von mittelalterlicher und zeitgenössischer Musik sein kann. Zuletzt etwa in einem kleinen, aber feinen Konzert im stimmungsvollen Ambiente der Hamburger St.-Michaelis-Kirche: Als der Abend zu Ende ging, hatten die drei Sängerinnen aus dem hohen Norden vier Zugaben absolviert, bevor sie vom begeisterten Publikum endlich in den wohlverdienten Feierabend entlassen wurden.

Begonnen hatte alles viel beschaulicher: In den Unter-Gewölben von Hamburgs wohl bekanntester Kirche warfen Kerzen dämmriges Licht, als Anna Maria Friman, Linn Andrea Fuglseth und Torunn Østrem Ossum ihren ersten, sanft ausschwingenden Choral anstimmten - glasklar und doch warm, schlicht und doch mit einem unaufhaltsamen Vorwärtsdrang, dem man sich kaum entziehen konnte. Und vom ersten Moment an schien das Publikum gebannt. Durchaus keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass alles andere geboten wurde als ein Programm mit publikumswirksamen Stücken aus dem "Best of Klassik"-Regal. Eher im Gegenteil war der Abend eine Reise zu fremden Klangwelten. Klangwelten, die klar machten, wie allgemein-menschlich und zeitlos Musik sein kann. Geistliche Musik von Leonel Power, einem Komponisten aus dem englischen Mittelalter, wurde kombiniert mit zeitgenössischen Stücken von Gavin Bryars oder Ivan Moody, die die Musik ihrer Vorgänger aus dem 14. und 15. Jahrhundert aufnehmen, fortspinnen und ins Hier und Jetzt übertragen - die sanfte Atmosphäre, aber genauso die Reibungen, Ecken und Kanten. Da entstanden in der Krypta des Hamburger Michel mit einem Mal Dialoge, Verwandtschaften und Parallelen, wo sie bislang von den wenigsten erwartet wurden.

 

Doch die Faszination eines Trio-Mediaeval-Konzerts erschließt sich nicht nur in der Musik. Natürlich spielt sie die große, zentrale Rolle. Aber die das norwegisch-schwedische Ensemble dabei zu beobachten, wie es einen ganzen Abend bestreitet - ausschließlich mit menschlichen Stimmen, ganz ohne Netz und doppelten Boden -, ist zumindest ebenso spannend: Nur mit einer kleinen Stimmgabel als Hilfe produzieren sie sinnlich-samtige Töne von glasklarer Reinheit. Und wie viel Mut es erfordern muss, wenn jede der drei ein Solo-Stück singt, mag man sich gar nicht vorstellen. Da ist es kaum verwunderlich, dass die Sängerinnen auch abseits ihrer musikalischen Tätigkeiten mit beiden Beinen fest im Leben stehen: Die 50-60 Konzerte, die jährlich absolviert werden, bringen sie mit regem Familienleben unter einen Hut. Anna Maria Friman arbeitet zusätzlich intensiv an ihrer Dissertation an der York University. Doch während des Hamburger Konzerts wurde all das zum Detail am Rande. Was zählte, war nur die Musik. Greg Sandow formulierte es im Wall Street Journal so: "Man benötigt keine Vorbildung in klassischer Musik; man hört, als würde man ein Buch lesen oder ein Bild betrachten."