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23.04.2004
Pierre Boulez

Real, surreal

Pierre Boulez, Real, surreal

Schönberg meinte, in seinem "Pierrot lunaire" bedeuteten "die Farbe alles, und die Noten gar nichts". Das war natürlich provokant und passte gut in den gedanklichen Kontext der Berliner Expressionisten, in deren Umkreis sich der Komponist befand. Doch es hatte auch ein Quäntchen Wahrheit, denn Schönberg Musik befand ich in den frühen 1910er Jahren bereits im Umbruch.

Die musikalischen Anfänge Arnold Schönbergs waren von vielen Zufällen bestimmt. Zunächst hatte der 1874 in Wien geborene Komponist keine Möglichkeiten, selbst Musikunterricht zu nehmen, er brachte sich daher alles selbst bei, nur von ein paar Hinweisen seines Freundes und zukünftigen Schwagers Alexander Zemlinsky unterstützt. Er hatte kein Geld, gab aber trotzdem seinen Job bei einer Bank auf, um die unsichere Karriere eines Komponisten einzuschlagen. Das bedeutete wiederum, dass er sich zunächst mit Orchestration und Arrangements von Schlagern und Operettenmelodien durchbringen musste. Doch jedes Ding hat zwei Seiten und so lernte Schönberg in diesen, vom Fin-De-Siècle geprägten Jahren quasi von der Pike auf, mit musikalischer Wirkung umgehen zu können. Und das wiederum verhalf ihm von 1901 zu seinem ersten, ernst zu nehmendem Engagement als Musikalischer Leiter des satirischen Kabaretts "Überbrettl", das Ernst von Wohlzogen in Berlin ins Leben gerufen hatte. Schönberg wurde dadurch zu einer lokalen Größe, die - anders als in Wien - in der kulturellen Szene mitreden konnte. "Sie glauben gar nicht", schieb er 1911 an seinen Verleger Hertzka, "wie berühmt ich hier bin. Überall kennt man mich. Man erkennt mich nach meinen Bildern, man kennt meine Biographie, meine Einzelheiten, weiß von meinen Skandalen und fast mehr als ich, der ich so etwas bald vergesse". In diese Zeit fallen auch die Uraufführungen der "Gurrelieder" (1911) und von "Pélias und Melisande" (1912 in Amsterdam), so dass es mit Schönberg wohl stetig hätte bergauf gehen können, wenn nicht der erste Weltkrieg das Fin de Siècle und seinen Zeitgeist brutal vernichtet hätte.

 

Schönberg jedenfalls komponierte und er versuchte sich in verschiedenen Variationen zum Thema Sprache und Musik. Eine davon hieß "Pierrot Lunaire op.21" und war ein "Melodram für Sprechstimme, Klavier, Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Violine, Bratsche, Cello". Es war im Jahr 1912 auf Bitten der Schauspielerin Albertine Zehme hin entstanden und basierte auf einer dreiteiligen Gedichtsammlung visionären Inhalts des belgischen Lyrikers Albert Giraud, die insgesamt 21 gleichgebaute Textkörper umfasste. Schönberg entwickelte ein weites Spektrum an Stimmungsbildern, das zwar durchaus mit theatralischen Mitteln umzugehen wusste, jedoch von den Zeitgenossen nicht gerade euphorisch aufgenommen wurde. Der immer kritische Hanns Eisler sprach gar davon, sein Lehrer habe sein musikalische Talent an "alberne Provinzdämonik" verschwendet. Aus der historischen Distanz jedoch stellt gerade diese Mischung der Ebenen ein spannendes Bespiel für akustische Transformation von Inhalt in der unmittelbaren Vorkriegszeit dar. Insofern konnte Pierre Boulez auch bedenkenlos ins Partiturenarchiv greifen, und mit Solisten wie der großartigen Sopranistin Christine Schäfer eine emotional dichte Aufnahme gestalten, ganz im Sinne Schönbergs, der nach eigenen Worten immer schrieb, wonach ihm das Herz stand. Gerahmt von dem Frühwerk "Herzgewächse" (1911) und der erst 1942 im Exil in Los Angeles entstanden sarkastischen "Ode to Napoleon Bonaparte" nach einem Gedicht von Lord Byron wird auf diese Weise ein anderer Blick auf Schönberg geworfen, noch weit entfernt von der Zwölftontechnik (oder im Fall der "Ode" als einer ihrer Meister), die ihn später berühmt und in manchen Ohren berüchtigt machen sollte.