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23.04.2004

Neue Klarheit

Neue Klarheit

Igor Stravinsky gab die Parole aus: "Zurück zu Bach!" forderte er in Paris von den jungen Komponistenkollegen und spiegelte damit die Reaktion auf die Schwüle der vorangegangenen Jahre wieder, die manches spätromantische und expressionistische Pathos hervorgebracht hatten. Paul Hindemith, damals bereits Konzertmeister am Opernhaus in Frankfurt und zweiter Violinist im Rebner-Quartett, nahm die Botschaft ernst und komponierte mit seinem Zyklus "Kammermusik" klare und schwulstfreie neue Musik.

Der Titel führt in mehrfacher Hinsicht in die Irre. Zunächst ist "Kammermusik" eigentlich keine Kammermusik. Denn der aus sieben Teilen bestehende Zyklus, der in zwei Abschnitten zwischen 1921 und 27 entstand, ist für unterschiedlich umfangreiche Ensembles geschrieben und hat in seiner partiellen Fülle durchaus großorchestrale Qualitäten. Trotzdem fasst Hindemith sie und die nicht zum engen Kreis dieses Oeuvre gezählte "Kleine Kammermusik" zu einem Zyklus zusammen, denn das Prinzip des konzertierenden Soloinstrumentes gab ihm dazu Veranlassung. Außerdem hatte er mit den neu gegründeten "Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst", die von 1921 an in Donaueschingen stattfanden und für die er bis 1930 als ein Art künstlerischer Leiter tätig war, ein passendes Forum, das die kleinformatigen Werke im angemessenen Rahmen darstellen konnte. So entstanden nach der "Kammermusik No.1" und der "Kleinen Kammermusik" (op. 24, 1/2), die drei Konzerte op.36 (1924/25) und schließlich die weiteren drei op. 47 (1927). Sie waren unterschiedlichen Zeitgenossen gewidmet, etwa dem Fürsten Max Egon zu Fürstenburg, ("Kammermusik Nr.1"), der die Schirmherrschaft über Donaueschingen hatte, oder dem Geiger Licco Amar, ("Kammermusik Nr.4"), in dessen Quartett Hindemith von 1921-29 als Bratschist mitwirkte.

So fällt der ganze Zyklus in mancher Hinsicht aus dem Rahmen. Zu einen ist er nach klarer, gemäß dem Stravinsky-Diktum stellenweise neobarocker Transparenz gestaltet, etwa im Falle der Nr. 2 mit Klavier als Solo-Instrument, das durchweg kontrapunktisch und rhythmisch markant vor allem im ersten Satz im Tokkata-Stil kunstvoll agiert. In den folgenden Konzerten stehen darüber hinaus Cello, Geige, Bratsche, Viola d'amore und Orgel im Mittelpunkt, so dass bei einer Aufnahme des Zyklus ein großes Aufgebot an Solisten gefragt ist. Für die vorliegende Einspielung, die im Frühjahr und Sommer 1990 im Grotezaal des Concertgebouw in Amsterdam, wählte der Dirigent und Leiter des Hausensembles Riccardo Chailly unter den Besten seines Orchester aus und fand zum Beispiel mit Ronald Brautigam einen Pianisten, der den Witz der Klavierkonzertes mit schelmischer Emphase nachzuzeichnen verstand. Er lud außerdem Gäste wie die damals noch am Anfang ihrer Karriere stehende Bratschistin Kim Kashkashian vor die Mikrofone, so dass eine mitreißend kraftvolle und zugleich leicht fließende Version des "Kammermusik"-Zyklus gelang, die sich sowohl als Heranführung an das übrige Werk des Modernisten, als auch für den fortgeschrittenen Genuss eignet.