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16.04.2004

Der große Wurf

Der große Wurf

Gustav Mahler hatte eine Sinfonie geschaffen, die den Beinamen "Der Titan" bekam. Dann schrieb er eine "Auferstehungssinfonie" als musikalische Erkundung des Lebens nach den Tode. Damit war er streng genommen an die Grenzen des Darstellbaren genommen. Doch der Geist einer Zeit, in der vieles bislang Unmögliche plötzlich Realität wurde, machte auch vor ihm nicht halt. So wagte er sich 1895/96 an die Fortsetzung seiner Klangphilosophie und schrieb eine "Natursinfonie", die eigentlich eine "Schöpfungssinfonie" war.

Als Gustav Mahler sich ernsthaft an die Gestaltung seiner dritten Symphonie wagte, hatte er das Ziel, "mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen. Der immer neue und wechselnde Inhalt bestimmt sich seine Form von selbst. In diesem Sinne muss ich stets wieder erst lernen, mir meine Ausdrucksmittel neu zu erschaffen, wenn ich auch die Technik noch so vollkommen beherrsche, wie ich, glaub' ich, jetzt von mir behaupten kann". Und doch war er regelmäßig von sich selbst und von der Materie überrascht, die offenbar autopoeitische Qualitäten entwickelte. Als er im Sommer 1896 am Ende seiner Arbeit den ersten der sechs (!) Sätze schrieb, offenbarte er seiner Freundin Natalie Bauer-Lechner nicht ohne Verwunderung: "Das ist schon beinahe keine Musik mehr, das sind fast nur Naturlaute. Und schaurig ist, wie sich aus der unbeseelten, starren Materie heraus, ich hätte den Satz auch nennen können: was mir das Felsgebirge erzählt - allmählich das Leben losringt".

Trotz solcher zwischenzeitlichen Hochstimmungen, war Mahler sich seiner Sache absolut nicht sicher. Er rang mit der Form, mit philosophischen Ideen wie eine "Stufenfolge des Werdens" und arrangierte die sechs Sätze des ausführlichen Werkes immer wieder neu. Im Juni 1896 schließlich stellte er ernüchtert fest: "Aus den großen Zusammenhängen zwischen den einzelnen Sätzen, von denen mir anfangs träumte, ist nichts geworden". Und doch entstand ein erstaunliches Opus, das von kaum hörbaren Andeutungen bis zu wuchtigem Pathos, von der ernsten Dramatik über Nietzsche-Verse bis hin zur "Posthornepisode" das immense Spektrum der gestalterischen Möglichkeiten der Epoche in einem individuell geprägten Klangereignis verband. Die 3. Symphonie wurde bald unter dem Titel "Natursymphonie" bekannt, weil sie von Mahler mit einigem mythischen Beiwerk als Kommentar versehen worden war. Er selbst jedoch nahm das intellektuelle Beiwerk prophylaktisch mit Blick auf die Kritiker (die sich nach der Uraufführung am 9.Juni 1902 in Krefeld unter Mahlers Leitung auch prompt über das Werk hermachten) nicht so ernst. Bereits im Juli 1896 persiflierte er seinen Anspruch in der Sprache der Journaille und schrieb: "Manchmal spielen die Musikanten auch, ohne einer auf den anderen die geringste Rücksicht zu nehmen, und es zeigt sich da meine ganze wüste und brutale Natur in ihrer nackten Gestalt. Dass es bei mir nicht ohne Trivialitäten abgehen kann, ist zur Genüge bekannt. Diesmal übersteigt es allerdings alle erlaubten Grenzen. Man glaubt manchmal, sich in einer Schänke oder einem Stall zu befinden".

Wie auch immer, Mahlers dritte ist eine besondere Aufgabe. Im neunten Teil seines Mahlerzyklus' lässt sich der erfahrenen Mailänder Dirigent Riccardo Chailly darauf ein und schafft eine ausgezeichnete Interpretation des monumentalen Werkes. Das gelingt ihm aus verschiedenen Gründen. Da ist auf der einen Seite das profunde Werkverständnis des Orchesterleiters, der sich bis in die Details hinein präzise um die Verwirklichung der angemessenen und perfekten Klangwirkung kümmert. Da stehen auf der anderen Seite mit dem Royal Concertgebouw Orchestra ein international renommiertes Spitzenensemble und mit Mezzo-Sopranistin Petra Lang einen versierte Solistin, die die die Vorstellungen Chaillys umzusetzen vermögen. Ergänzt um die erstmals 1909 mit Mahlers damaligem Ensemble, den New Yorker Philharmonikern aufgeführten "Bach-Suite" entsteht auf diese Weise eine Klangwelt, von der Mahler selbst meinte: "Meine Sinfonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin ein Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt".