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09.04.2004
Pierre Boulez

Die Ferne, so nah

Pierre Boulez, Die Ferne, so nah

Es war die Zeit des Eskapismus. Bis zum ersten Weltkrieg, der mit einem Schlag den Globus auf brutale Weise zusammenrücken ließ, träumte man vor allem in europäischen Großstädten von der Ferne. Ob Kolonien oder Zoologische Gärten, exotistische Romane oder mythisch überhöhte Klangräume - überall war die Tendenz zur Flucht aus der nüchternen Wirklichkeit des industrialisierten Zeitalters zu entdecken. Selbst Komponisten wie Maurice Ravel und Claude Debussy konnten (und wollten) sich diesen Vorstellungen und Phantasien nicht entziehen.

Sein Leben lang träumte Maurice Ravel vom fernen Osten. Aber er ist nie dorthin gereist, aus gutem Grund, denn die Wirklichkeit kann nicht so attraktiv sein wie das Bild, das man sich vor ihr zurecht gelegt hat. Allerdings kamen in seinen Werken immer wieder exotische Imaginationsräume akustischer Phantasie vor, die den Hörer musikalisch wie inhaltlich dazu anregen sollten, sich auf eine Reise ins Märchenhafte zu begeben. Als zum Beispiel im Jahr 1903 ein Freund von ihm namens Arthur Léon Leclère unter dem Wagnerhaften Pseudonym Tristan Klingsor eine Sammlung mit 100 Gedichten herausgab, der er den Titel "Shéhérazade" gab, fühlte sich Ravel angeregt, einige der Verse zu vertonen. Er konzentrierte sich auf drei Gedichte, die er bald darauf in Orchesterklang fasste. Eine andere Richtung der thematischen Weltflucht schlug er ein, als er sich in die Geschichte seines Landes vertiefte und aus historisierendem Impetus heraus komponierte. Das "Menuet antique" etwa schrieb schon der Zwanzigjährige 1895, die Orchesterfassung allerdings entstand erst 1929. Eine weitere Hommage an die Vergangenheit entstand zu einer Zeit, als Ravel als Versorgungsfahrer hinter der Front mit der Niederlage der westlichen Zivilisation direkt konfrontiert wurde. "Le Tombeau de Couperin" war zunächst als sechsteilige Klaviersuite gedacht, im fernen Rekurs auf den französischen Komponisten des 18. Jahrhunderts. Die Orchesterversion von 1919 wurde dann gekürzt, gestrafft und gehört ebenso wie die "Pavane pour une Infante défunte" zu den ansprechendsten Werken, die Ravel jemals geschaffen hat.

 

Kollege Debussy hatte es nicht so sehr mit den Orchesterfassungen vokaler Miniaturen. Gerade mal fünf von insgesamt etwa neunzig Liedern verordnete er einen opulenten Rahmen. Was nicht bedeutete, dass er sich nicht für Lyrik interessierte. Über die Jahre hinweg hat er sich immer wieder mit den Versen von Baudelaire, Verlaine und später auch Villon beschäftigt. Und so blieben doch einige Kompositionen nicht aus, wie etwa die "Cinq poèmes de Baudelaire" von 1889 und die knapp zwei Jahrzehnte später ersonnenen Klangkommentare zu "Trois Ballades de François Villon".

 

Pierre Boulez konnte daher auf ein buntes Programm sehr unterschiedlicher Werke zurückgreifen, als er 1999 mit dem Cleveland Orchestra für ein etwas anderes Impressionismus-Programm ins Studio ging. Die Vokal-Orchesterwerke umschließen dabei die rein symphonischen Momente und entwickeln auf diese Weise eine angenehme Spannung, die das Atmosphärische der Musik wirken lässt, ohne es dominant werden zu lassen. Mit Solisten wie der eben erst grammy-prämierten Star-Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, der Sopranistin Alison Hagley und der Harfinistin Lisa Wellbaum (für Debussys "Danse sacré" und "Danse profane") hatte er außerdem ein ausgezeichnetes Team an seiner Seite, das die jeweiligen Rollen mit der nötigen Mischung aus Pathos und Humor umzusetzen verstand. So kann man unter seiner Leitung in Ravels und Debussys Werken eben genau dieses Quäntchen Hoffnung finden, das dem Exotismus eigen war, egal ob er sich in die Ferne, in die Geschichte oder auch nach innen wandte. Und das macht diese Einspielung nicht nur angenehm, sondern schlicht schön.