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09.04.2004

Liebeslied, Wiegenlied

Liebeslied, Wiegenlied

Sprache bedeutet Identität. Auch oder gerade weil bestimmte Epochen von sprachlichen Moden bestimmt waren, gab es vor allem seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Bewegungen, die das Regionale, Nationale favorisierten. Das war manchmal übertrieben, polemisch und überflüssig, manchmal aber auch eine bewusste Absetzung vom Mainstream der Erfahrung. Mit den Uniformitätsbestrebungen des 20. Jahrhundert schließlich wurde die Sprache als regionales Identifikationsmuster immer wichtiger. Und auch die Komponisten legten Wert darauf, ihre eigene Heimat noch über das Klischeehafte der Romantik hinaus zu repräsentieren.

Für die tschechische Mezzo-Sopranistin Magdalena Kozená macht gerade die kulturelle Vielfalt den Reiz eines Recitals aus: "Sprachen sind für mich von fundamentalem Interesse. Denn die Sprache ist grundlegend mit dem Gesang verknüpft. Im Unterschied zu den anderen Instrumentalisten, müssen wir Sänger immer auch auf die inhaltliche Botschaft achten. Wir müssen zu dem Publikum sprechen. Und genau auf die Weise, mit der die Sprache zu den Menschen kommuniziert wird, beeinflusst sie auf der anderen Seite die Musik." Aus diesem Grund hat Kozená sich für ihr zweites Liederalbum ein Programm zusammengestellt, das bunter und zum Teil gegensätzlicher kaum sein könnte.

 

Auch wenn die Kompositionen alle aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stammen, so repräsentieren sie doch vollkommen unterschiedliche Gemütslagen und Klanggewohnheiten. Sie stammen aus fünf Ländern - Frankreich, Russland, Italien, Deutschland (Österreich), England - und reichen von Ironie und Groteske (Ravel) über subtilen Spott (Schostakowitsch), Liebe (Reshighi) und Melancholie (Schulhoff) bis hin zur Zärtlichkeit des Wiegenliedes (Britten). Kozená versucht dabei, möglichst keine der Klangwelten zu bevorzugen und so gelingt ihr tatsächlich eine Stilreise mit ausgewogener Balance der Mittel.

 

Den Ausgangspunkt bilden Maurice Ravel und seine drei "Chansons madécasses" (= "Lieder aus Madagaskar"). Sie sind nicht nur der Auftakt des Programms, sondern auch ein zentraler Schwerpunkt in Kozenás musikalischer Sozialisation: "Ravel ist zweifellos einer meiner Lieblingskomponisten. Bei ihm stimmt jede Note, keine ist überflüssig, keine fehlt. Es ist unglaublich! Und gleichzeitig spielt Ravel mit den Noten, mit jeder Phrase, jedem musikalischen Aufleuchten". Durch die ungewohnte Kombination von Klavier, Flöte und Cello, die den Versen der Sängerin zur Seite gestellt wird, lassen sich daher schrille ebenso wie pastellene Farben herausarbeiten, die mit den zuweilen kantigen Intervallen der Stimme sich zu einem schillernden Klanggemälde ergänzen. Schostakowitschs satirische Romanzen hingegen sprühen vor hintergründigem Witz eines am System einer Diktatur vorbei Schreibenden.

 

Ottonino Respighis "Il tramonto" ist eine schlichte, schöne Liebeserklärung mit Streichquartett. Erwin Schulhoffs "Drei Stimmungbilder" sind düster melancholische Momentaufnahmen des Fin-de-Siècle und Benjamin Brittens "A Charm Of Lullabies" subtil anspruchvolle Variationen zum Thema Wiegenlied. Kozena erweist sich dabei als interpretatorisch enorm wandlungsfähig mit der Tendenz zum Elegischen, was raffiniert zum klaren Timbre ihrer Stimme passt. Begleitet vom Henschel Quartett und Kollegen wie Malcolm Martineau am Klavier ist ihr nach "Love Songs" nun ein zweites, ausgezeichnetes Recital gelungen, das die seit Mitte der Neunziger über ihre tschechische Heimat hinaus aktive Künstlerin ein deutliches Stück auf dem Weg in die erste Liga ihrer Zunft voran bringt.