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01.04.2004

Bach opulent

Bach opulent

Johann Sebastian Bach lebte 27 Jahre lang in Leipzig. Was sich anfangs als mögliches Sprungbrett zu noch höheren musikalischen Ehren darstellte, wurde bald zu einer arbeitsaufwändigen Vollzeitbeschäftigung. Materiell abgesichert, aber durch seine Anstellung als Thomaskantor auch enorm gefordert, sprühte der Komponist nur so vor Kreativität. Er schrieb nicht nur Kantaten am Fließband, sondern konzipierte auch seine großen Vokal- und Orchesterwerke während der Leipziger Zeit. Und nicht zuletzt entstanden dort ebenso großartige Instrumentalvisionen wie die "Goldbergvariationen" und die "Kunst der Fuge".

Bach arbeitete viel und effizient. Hatte er sich in Köthen noch zurücklehnen können, war in Leipzig nun komponieren rund um die Uhr angesagt. Bis zum Jahr 1728 entstanden auf diese Weise zahlreiche Vokalwerke für den liturgischen und rituellen Gebrauch. An den hohen Festtagen galten in den Leipziger Hauptkirchen besondere Regelungen. Diese Festtage waren zu Bachs Zeiten in der Regel Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Neujahr, Epiphanias, Mariae Reinigung (2. Februar), Mariae Verkündigung (25. März), Mariae Himmelfahrt (15. August), Trinitatis (Sonntag nach Pfingsten), Johannis (24. Juni), Mariae Heimsuchung (2. Juli), Michaelis (29. September) und das Reformationsfest (31. Oktober). Diese Termine erforderten eine besondere Behandlung und wurden von Bach mit entsprechender Sorgfalt bedacht. Zu den morgendlichen Hauptgottesdiensten konnte eine Kyrie-Gloria-Messe gelesen und gesungen werden und zum Abendmahl dann ein Sanctus-Satz. In der Vesper am Nachmittag erklang zumeist das lateinische Magnificat. Derartige Kompositionen von Bach entstanden schon in seinem ersten Amtsjahr (Sanctus BWV 237 und 238, Magnificat BWV 243a). Doch dabei sollte es nicht bleiben. Denn für den Karfreitag waren zusätzlich große Passionen verlangt. Bachs "Johannes-Passion" (CD 3, Tracks 6-9) debütierte 1724 und wurde im folgenden Jahr in einer bearbeiteten Version wieder aufgeführt. Sie entsprach dem Typ der sogenannten oratorischen Passion, bei der der Bibeltext des Evangeliums mit Kirchenliedstrophen (Chorälen) und betrachtenden Arien bzw. Ariosi ergänzt wurde. Stammte die "Johannes-Passion" zum Teil noch aus seiner Weimarer Zeit, so war die 1727 uraufgeführte "Matthäus-Passion" (CD 3, Tracks 1-5) ausschließlich in Leipzig entstanden. Es war ebenfalls eine oratorische Passion, jedoch von einer Monumentalität, wie sie bislang unbekannt war. Die Aufführung dieses Vokalepos' dauerte immerhin rund 3 Stunden, verteilt auf zwei Abschnitte vor und nach der Predigt.

Zu diesen gewaltigen Werken kam ein sechsteiliger Kantaten-Zyklus mit 64 Sätzen, den Bach für die Weihnachtszeit des Kirchenjahres 1734/35 schuf (CD 3, Tracks 10-13), dessen gewaltiges Ausmaß allerdings auf die Zeit zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und Epiphanias verteilt wurde. Und natürlich die "h-moll-Messe" (CD 3, Tracks 14-18). Sie war die einzige Missa tota des Komponisten, die sämtliche Teile des Ordinarium Missae umfasste, also Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus und Osanna sowie Agnus Dei. Ihre Entstehungsgeschichte zog sich von den Anfängen 1724 (Sanctus für den Weihnachtsgottesdienst) bis in die letzten Lebenstage hinein. Mit dem Kyrie und dem Gloria bewarb Bach sich 1733 um den Titel des Hofkomponisten (den er prompt bekam), das ganze Werk hat er als Sammelsurium unterschiedlichster Stilistiken aller Wahrscheinlichkeit nach nie vollständig in einer Aufführung gehört.

Im Unterschied zu den Messen und Vokalwerken traten die Instrumentalkompositionen während der ersten Leipziger Jahre zunächst in den Hintergrund. Mit der Leitung des Collegium Musicum, die er 1729/30 übernahm, eröffneten sich für den Thomaskantor allerdings neue Möglichkeiten. Er konnte die Kirchenmusik kompetent und reichhaltiger instrumentieren und zugleich war ihm nun ein Vehikel an die Hand gegeben, mit dem er reine Ensemblekompositionen angemessen umsetzen konnte. Bei regelmäßigen Konzertveranstaltungen etwa im Zimmermannschen Coffeehaus wurden daher im Laufe der Zeit rund 15 Konzerte für ein bis vier Cembali präsentiert, in einer Reihe, die Ende der 1730er Jahre mit den sechs Konzerten BWV 1052-1057 (CD 4, Tracks 9-11) ihren Abschluss fand. Darüber hinaus widmete Bach sich wieder ausführlicher der Orgelmusik sowohl in Form von "freier Orgelwerke" wie auch mit Choralbearbeitungen. Um 1730 komponierte er die sechs "Triosonaten BWV 525-530" und weitere Präludien- und Fugen-Paare. Der dritte Teil der "Clavierübung" umfasste eine Reihe von Choralbearbeitungen, die von dem Präludium und Fuge Es-Dur (CD 4, Tracks 7 und 8) geklammert wurden.

Solche Sammlungen waren Demonstrationen des gestalterischen Könnens, die wesentliche Gattungen der europäischen Instrumentalmusik der Zeit, wie das von Italien kommende Instrumentalkonzert (CD 4, Track 6) und die von Frankreich her geprägte Ouvertüre, abbildeten. Im zweiten Teil des "Wohltemperierten Klaviers" griff Bach dann um 1740 das Werkpaar Präludium und Fuge wieder auf. Bald darauf schloss sich ein weiteres beachtliches Variationen-Werk an, das gleichzeitig den vierten Teil der "Clavierübung" darstellte: die "Goldberg-Variationen" BWV 988, die ihre Entstehung wohl der Schlaflosigkeit ihres Auftraggebers Grafen Hermann Carl von Keyserlingk verdanken, der sich damit von seinem Cembalist Johann Gottlieb Goldberg in die Träume geleiten ließ. Blieben noch das "Musicalische Opfer" BWV 1079 und die "Kunst der Fuge" (CD 4, Tracks 12 und 13), mit der Bach sein Ideal von Kontrapunktik in unterschiedlichen Spielarten niedergeschrieben und als Kompositionsprinzip perfektioniert hatte. Ein kleiner Teil dieses immensen Leipziger Schaffens ist auf den vier CDs kompakt zu erleben. Es sind Auszüge aus den geistlichen und weltlichen Kantaten, aus dem Motettenwerk BWV 225-230, aus den großen Passionen, Oratorien, Messen und aus der Instrumentalmusik. Sie werden interpretiert von großartigen Ensembles wie dem Thomanerchor, der Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel), den English Baroque Solists und dem Monteverdi Choir (Sir John Eliot Gardiner) und darüber hinaus ausführlich mit historischen Hintergründen kommentiert. Eine gute Möglichkeit also, sich einen fundierten Überblick über die Schaffenskraft des mittleren und späten Bachs zu verschaffen, und darüber hinaus eine Sammlung mit Musik von zeitloser Größe.

Zu Teil 1 geht's hier