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26.03.2004

Bach kompakt

Bach kompakt

Es war eine hochdotierte Ausschreibung. Nach dem Tod des Thomaskantors Johann Kuhnau am 5.Juni 1722 hatte die Stadt Leipzig die Neubesetzung des renommierten Amtes zur Disposition gestellt. Bald häuften sich die Bewerbungen angesehener Komponisten wie Christoph Graupner und Georg Philipp Telemann. Einer von ihnen wäre es wahrscheinlich auch geworden, doch die Berühmtheiten sagten im letzten Moment wegen anderer Verpflichtungen ab. "Da man nun die besten nicht bekommen könne, müsste man mittlere nehmen", meinte der Bürgermeister Abraham Christoph Platz. Und so fiel die Wahl des Gremiums auf Johann Sebastian Bach.

Leipzig hatte es sich nicht leicht gemacht. Als der neue Kantor im Mai 1723 mit vier Wägen und zwei Kutschen in der Stadt eintraf, um sein "neu renovirtes" Dienstquartier in der Thomasschule zu beziehen, konnte zwar keiner der Räte ahnen, dass sie sich einen streitbaren Künstler eingeladen hatten. Sie sollten es aber schnell zu spüren bekommen, dass Bach in punkto Musik keine Zugeständnisse zu machen bereit war. Über die kommenden zwei Jahrzehnte hinweg geriet er regelmäßig mit dem städtischen Gremium aneinander, wenn jemand versuchte, ihn in seinen Kompetenzen und Zuständigkeiten zu beschneiden. Außerdem war es für ihn eine deutliche Umgewöhnung von den Vorzügen des Hochfürstlich Anhalt-Cöthenschen Capellmeisters, als der er sechs Jahre lang dem Fürsten Leopold gedient hatte, zu den Pflichten des Leipziger Amtes. Doch das wiederum schreckte Bach nicht. Im Gegenteil: Mit immenser Energie widmete er sich den zahlreichen Kantaten, die er Woche für Woche für immerhin vier ihm unterstehende Kirchen zu komponieren hatte. Dazu kamen Motetten für verschiedene Anlässe - Hochzeiten, Feste, Beerdigungen - , Lehr- und Auftragswerke zu sehr unterschiedlichen Funktionen und eigene Studien, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.

Bach entwickelte sich zum Workaholic, den der freie Geist der damals wichtigen Metropole des deutschen Kulturlebens beflügelte, und er versuchte sich soweit als möglich zu profilieren. Im Jahr 1733 besaß er sogar den Mut, dem Kurfürsten Friedrich August II von Sachsen in Dresden die vorläufige Version der "Missa h-moll" zukommen zu lassen, mit der Bitte, den Titel des Hofkapellmeisters tragen zu dürfen. Mit einiger Verspätung hatten seine Bemühungen 1736 Erfolg. Er wurde zum Compositeur bey Dero Hof-Capell ernannt. Das waren Sahnehäubchen der Karriere. Der Alltag sah anders aus. Die Lehrverpflichtung hatte Bach zunächst an seinen Kollegen Carl Friedrich Petzold abgehen können. Für die wöchentlichen Aufführungen teilte er den Thomanerchor in vier Kantoreien, deren bestes Ensemble er in der Regel persönlich leitete. Damit wurden am Sonntag die Hauptmessen bestritten, außerdem die zusätzlichen Oratorien und liturgischen Festlichkeiten. Darüber hinaus sangen die Kantoreien, unterstützt von den Instrumentalisten des bürgerlich-studentischen Collegium Musicum (dessen Leitung Bach um 1729 auf sich übertragen konnte), auch bei weltlichen Anlässen, etwa im Zimmermanschen Coffeehaus. So entstand über die zweite Lebensphase bis zu seinem Tod 1750 ein enorm umfassendes und vielschichtiges Werk, aus dessen opulenter Menge für die Zusammenstellung "Bach in Leipzig" ein Querschnitt auf vier CDs destilliert wurde.

Die ersten beiden Teile dieser Sammlung befassen sich dabei mit dem Kantaten- und Motettenwerk Bachs. Es gehört zu seinen ausführlichsten Schaffenskomplexen, nicht zuletzt weil er durch sein Amt in Leipzig dazu angehalten war, zu den verschiedenen Gottesdiensten immer neue Werke zu liefern. Rund 200 Kantaten sind überliefert, in drei Jahrgängen von 1723-27 zusammengefasst. Allerdings ist das wahrscheinlich nur ein Bruchteil des eigentlichen Werkes, denn Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel spricht allein von fünf vollständigen Jahrgängen, die sein Vater komponiert haben soll. Dazu kamen noch die weltlichen Kantanten, die wie die "Kaffeekantate" (CD1, Track 12-14) und die "Bauernkantate" (CD1, Track 15-21) aus aktuellem Anlass außerhalb der Kirche aufgeführt wurden. Neben den geistlichen Werken, ist auch das Motettenwerk ausführlich belegt. Die Quellenlage ist jedoch weitaus komplizierter und so lässt sich oft nicht mehr nachvollziehen, aus welchem konkreten Grund ein Werk komponiert wurde. Auch deren Ausführung ist sehr unterschiedlich. Sie reicht vom einfachen Kantionalsatz bis hin zu komplexen doppelchörigen Abschnitten und vom dreistimmigen bis zum achtstimmigen Satz. Sie sind Thema der zweiten CD der Sammlung "Bach in Leipzig" und mit Werken wie "Singet dem Herrn ein neues Lied, BWV 225" (CD2, Track 1-3) oder "Komm, Jesu, komm, BWV 229" (CD2, Track 18-19) repräsentiert.

Zu Teil 2 geht's hier.